02.07.2014

Wie leben Kinder und Jugendliche in einem „Kinderheim“? Jedenfalls ganz anders als ihre Vorgänger vor 50 oder 100 Jahren

Fast ein Zuhause

Im Kinder- und Jugendhaus St. Elisabeth in Hamburg-Bergedorf wird am Samstag gefeiert. Vor 125 wurde das katholische Kinderheim in St. Georg gegründet. Wie lebt man heute in einem „Kinderheim“? Auf jeden Fall anders, als sich die meisten Menschen das vorstellen. Wir haben eine Bewohnerin gebeten, uns „ihr“ Haus zu zeigen. 

Altehrwürdig und respekteinflößend sieht das Kinder- und Jugendhaus St. Elisabeth in Hamburg-Bergedorf von außen aus.
Drinnen sieht es ganz anders aus. Angela Schneegaß und Hausleiterin Kathrin Hettwer öffnen das Tor. Foto: Andreas Hüser

 
Gut, wenn man als Gast eine Begleiterin wie Angie hat. In den Fluren, Gängen und Etagen des großen Hauses würde sich jeder Fremde verlaufen. Die riesigen Schlafsäle und der Speisesaal, in dem einmal 250 Kinder gegessen haben, gibt es schon seit 30 Jahren nicht mehr. Sechs Wohngruppen leben stattdessen in dem stattlichen Haus, sechs Großfamilien unter einem Dach. Die Jugendlichen haben eigene „Jugendapartments“. Auch Angie Schneegaß wohnt in einem solchen. Sie teilt eine kleine Wohnung mit einer gleichaltrigen Mitbewohnerin, ganz oben. Das heißt: Treppen steigen. Also los. 

Angie trägt einen weißen Blazer und elegante Schuhe. Heute hatte sie Übergabe ihres Abiturzeugnisses. Morgen ist Abiball. Mit dem großen Fest neigt sich auch ihre Zeit in „St. Eli“ dem Ende zu. Studium oder Freiwilliges Soziales Jahr? „Nächste Woche gehe ich zu einem Informationstag.“ 

Die Tür von Angies eigenem Zimmer ist gespickt mit Postkarten. Lustige Sprüche stehen darauf, wie: „Liebe Mathematik“  „Werde endlich erwachsen und löse deine eigenen Probleme. Ich bin es leid, sie für dich zu lösen.“ Das Zimmer enthält alles, was man für’s Überleben braucht. Bett, Computer, Bücher, Waschbecken, Gitarre, Bücher und ziemlich viele Kosmetikfläschchen. Nebenan gibt es eine kleine Küche. „Wenn ich nachmittags nach Hause komme, koche ich mir ein Abendessen. Ich koche nämlich gern“, sagt Angie. Ihre weiteren Hobbys: Gitarre und Theater spielen, Singen im Chor, Treffen mit Freunden. 

Wenn morgens der Wecker klingelt, verlässt Angie ihr Apartment und geht zum Frühstück in die Gruppe. Auch wenn die 19-Jährige ihr Leben fast selbst regelt, gehört sie noch zur „Bernadette-Gruppe“ von St. Elisabeth. Wieder geht es über Treppen und Flure zu einer Tür, hinter der es mächtig rumort. Zehn Kinder reagieren mit Freudenschreien auf Angies Erscheinen. Aus irgendeinem Grund haben sich alle bis zum Hals in Decken eingewickelt. Alle sind aufgeregt. In einer Stunde beginnt das WM-Spiel gegen die USA. „Für die Älteren bin ich Kumpel, für die Kleinen so etwas wie die große Schwester“, sagt Angie. Oft kommt sie herunter zum Spielen, Fernsehen oder auf einen Tee trinken mit ihrer Bezugsbetreuerin Rikke Aloev-Larsen. Bevor Angie volljährig wurde, hat sich das Pädagoginnen-Team um alle wichtigen Dinge wie Geldangelegenheiten gekümmert. Noch heute ist die Bezugsbetreuerin  ein Rückhalt, „zum Beispiel, wenn das Jugendamt etwas will.“ Auch in den Sommerferien fährt die junge Frau nicht allein oder mit Freunden in den Urlaub, sondern mit ihrer Bernadette-Gruppe. „Wir fahren immer nach Dänemark, in ein Ferienhaus mit Pool. Das ist klasse.“ 

Und dann gibt es noch einen Raum in „Sankt Eli“, den Angie zeigen will: Die Kapelle. Vor einem Jahr wurde Angie in der St. Christophorus-Kirche in Hamburg-Lohbrügge getauft. Wie kam es dazu? „Meine beste Freundin hatte Firmung in Lohbrügge. Da bin ich mitgegangen. Ich dachte vorher, Kirche wäre voll langweilig. War es aber gar nicht.“ Sie nahm Kontakt mit Diakon Stefan Mannheimer auf und empfing mit 18 Jahren die Taufe. Im nächsten Jahr wird sie gefirmt. Vielleicht wird sie dann nicht mehr im „Heim“ wohnen – aber sich noch als Teil des Jugendhauses fühlen: „Als ich kam, war ich 16 und hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Hier hatte ich Menschen, zu denen ich gehen konnte und die zu mir standen.“ 

„Angie kriegt das alles toll hin“, lobt Kathrin Hettwer, Leiterin des Kinder- und Jugendhauses St. Elisabeth. In Klammern: Nicht alle Jugendlichen gehen einen so geraden Weg wie die Abiturientin. Es sei schon eine Seltenheit, wenn Jugendliche fast vier Jahre lang da bleiben wie Angie, berichtet Kathrin Hettwer. Die Durchschnitts-Wohnzeit beträgt ein halbes Jahr. „Einige sind nur einige Tage bei uns, bis das Jugendamt die Situation in der Familie geklärt hat.“ 

Und schließlich zieht niemand in das Kinder- und Jugendhaus ein, weil es dort so schön ist. Denn hinter jedem aufgenommenen Kind steht eine Krise, die das Leben in der eigenen Familie unmöglich macht. „Viele Probleme, die die Kinder und Jugendlichen mitbringen, können wir nicht lösen. Aber wir versuchen, sie für eine Zeit aufzufangen, ihnen Unterstützung zu geben in einer schwierigen Lebensphase – vielleicht sogar ein Zuhause.“

Das Kinder- und Jugendhaus St. Elisabeth feiert sein 125-jähriges Bestehen mit einer Festwoche vom 5. bis 11. Juli. Auftakt ist das Elisabeth-Fest am Samstag, 5. Juli von 10.30 Uhr bis 21 Uhr. Den Festgottesdienst um 11 Uhr feiern die Hausbewohner und Gäste mit Diözesanadministrator Ansgar Thim und Pfarrer Burkhard Göcke. 

 

Text und Foto: Andreas Hüser