29.11.2017

Achtsam zu sich selbst sein

Es fängt bei mir an

Wachsam sein! Diesen Rat gibt Jesus seinen Jüngern auf dem Ölberg. Mit einer apokalyptischen Endzeitrede prägt er ihnen ein: Bereitet euch vor! Ihr wisst nicht, wann die Stunde kommt. Was bedeutet das für uns im Advent?


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Meditieren, den Körper wahrnehmen: „Achtsamkeit kann man lernen“, sagt Ralf Braun. Eine einfache Übung: „Was spüre ich, wenn ich auf meinem Stuhl sitze?“ Foto: istockphoto


Wachsam sein – diesen Rat zu befolgen, fällt uns heute schwer. Oft fühlen wir uns alles andere als wach. Wir versinken in einer Trägheit und hängen unseren Gedanken nach. „In Gedankenbildern zu leben, das Problem hatten die Menschen schon immer“, sagt der katholische Theologe und Achtsamkeitslehrer Ralf Braun. Schon Buddha habe das vor 2500 Jahren gekannt – und eine Abhilfe entwickelt: die Lehre von der Achtsamkeit.

Die Adventszeit ist eine Zeit der Vorbereitung, eine Zeit der Achtsamkeit. In den Wochen vor Weihnachten geht es nicht nur um das Festessen, die Geschenke und den Tannenbaum, sondern um die Fragen, die mich im Inneren umtreiben: Welche Gedanken bewegen mich? Was bedeutet für mich der Glaube, die Zugehörigkeit zur Kirche? Wie möchte ich das Weihnachtsfest als Fest der Geburt Christi wirklich feiern?


Wachsam gegenüber mir selbst

All diese Fragen fangen beim „Ich“ an. Die Frage nach der Achtsamkeit auch. Bevor ich mir Gedanken mache, ob ich gut zu meinen Mitmenschen bin, ob ich mich mehr engagieren sollte, muss ich prüfen, wie es mir geht. Wie sieht es in meinem Innersten aus? „Nur wenn ich bei mir selber übe, das wahrzunehmen, was bei mir selber ist, kann ich auch das, was in der Welt vor sich geht, bewusster wahrnehmen“, sagt Ralf Braun. „Wir Menschen sind von den Erfahrungen der Vergangenheit, an die wir uns erinnern, so beeindruckt und wir planen gerne für die Zukunft voraus, dass wir das Hier und Jetzt völlig aus dem Blick verlieren. Wir sind nicht mehr gegenwärtig.“ Das, was in einem Augenblick passiert, soll schlicht als das wahrgenommen werden, was gerade passiert – mehr nicht.

Machen Sie sich keine Gedanken, was andere sagen würden oder welche Auswirkungen Ihr Handeln hat. Seien Sie im Advent doch einmal wachsam zu sich selbst. Genießen Sie einen Augenblick, ohne gleich an Einkaufslisten, Hausputz oder anstehende Geburtstage zu denken.

„Achtsamkeit kann man lernen“, sagt Ralf Braun, zum Beispiel indem Sie versuchen, zu meditieren oder Ihren Körper ganz bewusst zu spüren. „Es sind kleine Übungen: Fragen Sie sich zum Beispiel in diesem Augenblick: Was spüre ich, wenn ich auf meinem Stuhl sitze? Wie ist mein Kontakt zum Boden? Wo sind meine Hände?“ Solche Übungen schärfen das Bewusstsein.


Wachsam gegenüber meinen Mitmenschen

Aber es geht nicht nur um das „Ich“. Gerade Christen sollten wach sein für die Nöte und Sorgen der Mitmenschen. Es braucht also einen weiteren Schritt. „Der Sprung ist aber gar nicht so groß“, sagt Braun. „Wenn ich mir selbst achtsam gegenüber bin, dann werde ich feststellen, dass ich immer in Verbindung mit anderen lebe.“

Aus seinen Kursen kennt er zwei völlig unterschiedliche Phänomene: Es gibt jene, die sich selbst aufopfern, die sich bis zur Erschöpfung für andere einsetzen. „Und doch können sie anderen meist nicht richtig gut helfen“, sagt Braun. Und es gibt jene, die sich selbst auf die Schliche kommen, die merken, dass sie mehr tun könnten, aber oft zu träge sind. „Achtsamkeit bedeutet nicht Wellness“, sagt Braun.

Versuchen Sie also in dieser Adventszeit, sich selbst auf die Schliche zu kommen: Erkennen Sie die echten Sorgen und Wünsche Ihrer Mitmenschen? Helfen Sie ihnen um ihretwillen oder nur, um sich selbst gut darzustellen? Oder könnten Sie sich vielleicht noch mehr für andere einsetzen? Haben Sie noch freie Reserven?


Wachsam gegenüber dem Elend in der Welt

Zeitungen, Internet, Radio, Fernseher: Die schlechten Nachrichten aus aller Welt erreichen uns fast im Minutentakt. Kinder, die im Jemen an Cholera erkrankt sind; Hungernde im Südsudan; Flüchtlingsfamilien, deren einziger Schutz eine Plastikplane über dem Kopf ist. Ralf Brauns ganz persönliche Methode, mit diesem Leid umzugehen: „Ich schaue keine Nachrichten mehr. Die Bilder sind übermächtig. Achtsamkeit hat eben auch etwas zu tun mit der Reduzierung der Reize, die auf mich einströmen.“

Es braucht eine realistische Einschätzung: Sie können die Welt nicht retten, aber Sie können prüfen, was Sie tun können, um sie zu verbessern. Gerade in der Advents- und Weihnachtszeit bitten etwa kirchliche Hilfswerke um Spenden, fast jede Pfarrgemeinde unterstützt Ordensleute oder hat Projektpartnerschaften in Entwicklungsländern. Informieren Sie sich, schauen Sie, was Sie persönlich für Möglichkeiten haben zu helfen.


Wachsam gegenüber Gott

Entdeckt man die Adventszeit als Vorbereitungszeit auf Weihnachten wieder, so gehört die Frage nach Gott dazu. Viele Kirchengemeinden bieten in den Adventswochen frühmorgens Rorate-Messen an. Im Kerzenlicht beten, singen und ruhig in den neuen Tag starten, ist eine gute Möglichkeit, in den Wochen vor Weihnachten auch an Gott zu denken.

„Die Achtsamkeit hat im Christentum eine lange Tradition, allerdings unter dem Begriff Kontemplation“, sagt Braun. Mit Gebets- und Meditationsformen und Exerzitien wird dabei eingeübt, „in der Gegenwart Gottes zu leben“, sagt Braun. Und wie für alle Punkte gilt auch hier: Nur wer sich selbst gegenüber achtsam ist, also „in seiner eigenen Gegenwart ist“, wie Braun sagt, der kann sich auch Gott öffnen.

Seien Sie in dieser Adventszeit doch einmal besonders wachsam für Gott. Überlegen Sie, wie eigentlich Ihre Beziehung zu ihm aussieht? Haben Sie ihm noch etwas zu sagen? Oder ist Ihr Glauben ein wenig eingeschlafen? Seien Sie neu wach für Gott.

Von Kerstin Ostendorf