21.09.2016

Renovierung der Grabeskirche

Eine Baustelle wie keine

Es war eine Sensationsmeldung: Am angeblichen Heiligen Grab von Jerusalem wurden möglicherweise Teile von Jesu Grab entdeckt. Das klingt paradox, denn jeder geht ja davon aus, dass die Grabeskirche dort liegt, wo Jesus begraben wurde. Doch das war bisher wissenschaftlich nicht geklärt worden.

Bei den Arbeiten in der Grabeskirche haben Restauratoren auch gewachsenen Fels entdeckt. War dort tatsächlich das Grab Jesu? Foto: kna-bild

Ein architektonischer Schandfleck und Anachronismus im Zeitalter der Ökumene soll bald der Vergangenheit angehören: Die marode Kapelle über dem Grab Christi in Jerusalem wird derzeit restauriert. In einer Geheimaktion hatten sich die Leiter der drei verantwortlichen Konfessionen der Grabeskirche – Griechisch-Orthodoxe, Armenier und Katholiken (vertreten durch die Franziskaner) – Ende März auf die überfällige Renovierung einer der heiligsten Stätten der Christenheit geeinigt. Seit Mai sind die Arbeiten im Gange, sie dürften noch bis weit ins nächste Jahr hinein dauern. Im oberen Teil strahlt jedoch bereits jetzt der zuvor fast schwarze Stein in hellem Beige.

Die lärmenden Arbeiten mit Presslufthammer und Steinsäge sind weitgehend auf die Nachtstunden verlegt. Die Liturgien und der Pilgerbetrieb sollen möglichst wenig gestört werden. Dennoch wird es auch tagsüber laut, wenn der Bautrupp der griechischen Firma hinter hohen weißen Absperrwänden hämmert, klopft, schabt und schleift. Meter für Meter werden die Steine und Platten abgenommen. In einem auf der Empore errichteten Laboratorium werden sie untersucht, gereinigt, ausgebessert und gegebenenfalls ersetzt.

 

Alles soll hinterher genauso aussehen wie vorher

Die Kirchenführer haben sich auf eine konservative Restaurierung des 8,30 mal 5,90 Meter großen und 5,90 Meter hohen Baus verständigt. Die Ädikula über dem Heiligen Grab solle nicht verändert werden, sie müsse hinterher genauso aussehen wie bisher: also wie die Kapelle, die nach dem verheerenden Brand von 1808 von den Griechen im Stil des osmanischen Barock mit einem russischen Zwiebelturm errichtet wurde. Und freilich muss die Statik stimmen, um die Sicherheit der täglich Tausenden Pilger zu gewährleis-ten.

Allerdings sind die Arbeiten umfangreicher als zunächst angenommen. Die Architekten und Bauleute von 1810 begingen Fehler und verwendeten falsche Materialien. Dann griffen der Ruß von Kerzen und Weihrauch den Stein an. Mehrere kleine Erdstöße schadeten der Stabilität. Schließlich machten die hohe Bodenfeuchtigkeit in der Jerusalemer Altstadt und Abgase den Marmor porös. Nicht zu übersehen sind auch die Folgen des Pilgertourismus, die Ausdüns-tungen durch menschlichen Atem und Schweiß – gerade im Innern der Grabkammer.

Die Grabeskirche in Jerusalem lockt
jeden Tag Scharen von Pilgern an.
Foto: kna-bild

Aber es war schon eine Sensation, dass sich die Konfessionen des Gotteshauses über der Kreuzigungs- und Grabstätte Christi überhaupt auf eine Renovierung verständigen konnten. Dies galt als nahezu unmöglich, denn seit 1852 regelt ein „Status quo“ das oft schwierige Nebeneinander der christlichen Gemeinschaften in der Grabeskirche. Sein Prinzip: Der damalige Stand, die Besitzrechte und -pflichten sowie die räumliche und zeitliche Nutzung der verschiedenen Stätten und Gebäudeteile wurden eingefroren und dürfen nicht verändert werden.

Ob das Restaurierungsabkommen tatsächlich ein Wunder war – wie der griechische Patriarch Theophilos meinte – oder ein der Not geschuldeter Pragmatismus, sei dahingestellt. Sicher sind die jetzt zuständigen Kirchenleiter flexibler als ihre Vorgänger. Allerdings reagierten auch sie letztlich auf äußeren Druck: Im Februar 2015 erschien die israelische Polizei unangemeldet in der Grabeskirche und sperrte die Grabkapelle wegen Gefahr durch die instabilen Strukturen. Nach Protesten der sofort herbeigeeilten Kirchenoberen wurde die Sperre nach vier Stunden wieder aufgehoben. Aber hinter verschlossenen Türen begannen Sondierungen und Absprachen, die 13 Monate später zu dem Bauprojekt führten.

 

Immer wieder zerstört und wieder neu aufgebaut

Dafür stehen nach Medienberichten rund drei Millionen Euro zur Verfügung. Mit einem nicht genannten, aber offenbar namhaften Betrag beteiligte sich Jordaniens König Abdullah II. an den Kosten; im April bestätigte die staatliche jordanische Nachrichtenagentur „Petra“ die Spende des muslimischen Staatschefs.

Das griechische Team unter Leitung von Antonia Moropoulou von der Technischen Universität Athen behebt nicht nur Schäden. Ihm bietet sich auch die einmalige Chance zur Erforschung der Grabkapelle mit ihrer spannenden Geschichte. Seit Kaiser Konstantin an der überlieferten Stelle des Grabes Christi eine Basilika errichtete, wurde das Gotteshaus samt Grabmonument mehrfach zerstört und wieder aufgebaut. Dabei wurden über dem Heiligen Grab offenbar immer neue Schichten konstruiert.

Eine große Überraschung erlebten die Restauratoren vor wenigen Wochen, als unter den Platten auf der Südseite der gewachsene Fels zutage trat. Offenbar der Fels, den Konstantin stehen ließ, als er sein erstes Monument über dem vermeintlichen Grab des Josef von Arimathäa schuf. Bislang vermutete man, bei der Zerstörung im Jahr 1009 habe Kalif al-Hakim das Heilige Grab dem Erdboden gleichgemacht.

Nach der geltenden Vereinbarung muss dieses mögliche Originalteil des antiken Grabes wieder unter Marmorplatten verschwinden, um die Rotunde im bisherigen osmanischen Barock wiederherzustellen. Vielleicht aber modifizieren die drei Kirchenführer doch noch einmal ihren Plan und lassen diesen Teil sichtbar – hinter Glas. Vielleicht.

Von Johannes Schidelko

 

Zur Sache

Kreuzigung, Grablegung, Auferstehung

Grafik: wikimedia

In der Grabeskirche in der Jerusalemer Altstadt verehren Christen den Ort der Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung Jesu. Die erste Kirche an dieser Stelle wurde unter Kaiser Konstantin im Jahr 335 geweiht. Nach Zerstörungen im 7., 11. und 19. Jahrhundert kam es jeweils zu Wiederaufbauten und Ergänzungen. Dabei entstand ein unübersichtliches Gewirr aus kleineren Kirchen, Kapellen und Anbauten.

Prägend für den heutigen, überwiegend hellenistischen Baustil waren Veränderungsmaßnahmen im 12. und im 19. Jahrhundert. Insgesamt erstrecken sich die Gebäudepartien über eine Fläche von etwa 100 mal 120 Metern; nicht alle sind zugänglich. Die Grabeskirche ist gemeinsamer Besitz verschiedener Konfessionen. Es ist genau geregelt, wer wann wo wie lange beten darf. Zwei muslimische Familien verwalten die Schlüssel der Kirche.