11.09.2014

Berliner gibt Obdachlosen eine Stimme

Einblicke in eine Welt, die wir nicht gerne sehen

Obdachlose sind überall. Sie betteln in Fußgängerzonen, vor Kirchen, übernachten auf Parkbänken. Doch meist gehen wir lieber schnell an ihnen vorbei, nehmen sie zum Teil kaum noch wahr. Ein Berliner Student holt die Namenlosen raus aus der Anonymität, gibt ihnen eine Stimme. Die Gespräche mit ihnen stellt er als Videos ins Netz.

Es sind nicht unbedingt schöne Bilder. Zum Beispiel von Renate. Seit ungezählten Jahren führt die 61-jährige, drogenabhängige Frau ein Leben zwischen Gefängnis und Straße. Freimütig erzählt sie von ihrem Leben, den unzähligen gescheiterten Versuchen ein „normales Leben zu führen“, mal wieder eine Wohnung zu beziehen und länger zu behalten. Bis irgendwann wieder eine Haftstrafe dazwischen kam. Meist wegen irgendwelcher Kleinigkeiten. Ladendiebstähle. Typische Beschaffungs- und Armutskriminalität eben.

Einblicke in eine Welt, die wir nicht gerne sehen wollen

Mirnour lässt Obdachlose zu Wort kommen

Es sind Einblicke in eine Welt, die wir uns, zumeist gerne ersparen würden. Lieber schauen wir weg. Nicht so der 23-jährige Omid Mirnour, der vor ein paar Jahren aus Aachen nach Berlin kam, um hier Medien-Management zu studieren. Irgendwann wollte er nicht mehr teilnahmslos an diesen Menschen vorbeigehen, die ihm da tagtäglich an irgendwelchen Bushaltestellen oder zusammengekauert mit ihren letzten Habseligkeiten in Hauseingängen begegneten. Er wollte sie auch nicht vorverurteilen, wie das meist seine Freunde taten, nach dem Motto: Selbst Schuld. Nein. Mirnour hat wohl ein Gespür dafür, wie dünn die Linie zuweilen ist, die uns und unser „heiles Leben“ trennt vor dem großen Absturz, der Gosse! Vor knapp einem Jahr gründete er das Projekt „Streets of Berlin“ und veröffentlicht seither auf Facebook regelmäßig Videos, in denen er die Obdachlosen zu Wort kommen lässt.

Lamm Gottes...: "Ein Niemand"?

Seit einiger Zeit sind seine Filmbeiträge auch auf einem gesonderten Kanal auf YouTube zu sehen. Es ist „eine Plattform für die ungehörten Stimmen der Straße. 100 Prozent real. 100 Prozent unscripted“ (also ohne jedes Drehbuch), wie Mirnour schreibt. Der junge Mann stellt meist nicht viele Fragen. Lieber lässt er seine Gesprächspartner erzählen. Einfach so. Ohne festen Rahmen oder vorgestanzte Strukturen. „Es gibt keine Medienformate, die sich im Dialog mit Obdachlosen befassen“, sagt er.

Thomas: "Gold kann man nicht essen"

Es ist aber, auch das muss gesagt werden, längst nicht immer einfach, den Menschen zuzuhören: ihren oft krächzenden Stimmen, ihren oft fürchterlich verdrehten Geschichten. Etwa, dann, wenn der fast zahnlose und ausgemergelte Thomas spricht. Und erzählt, dass man Gold nicht essen kann. Oder dass unser ganzes Gemüse längst mit Blei vergiftet sei. Oder der endlos plappernde Mike, der ein „Lamm Gottes“ T-Shirt trägt, und seit nunmehr sieben Jahren in Kreuzberg auf der Straße lebt, wie er sagt. Und irgendwann bekennt „Ich bin ein Niemand!“ Wahrscheinlich sind viele Obdachlose längst so einsam, dass sie gar nicht mehr wissen, wohin mit all ihrem Schmerz. Und dann einfach abtauchen. In wirre Fantasien. Oder Alkohol und Drogen. Und dann aus dem Reden gar nicht mehr rauskommen, wenn ihnen dann mal doch jemand zuhört… So auch Basti. Er erzählt vor laufender Kamera etwa von seiner Ex-Freundin, wie sich die beiden nach der Geburt ihres ersten Kindes immer mehr voneinander entfremdeten, und er mehr und mehr in die Drogensucht eintauchte. Bis irgendwann gar nichts mehr ging. Mittlerweile verkauft Basti seinen Körper und hält sich irgendwie noch mit den Einnahmen aus der Prostitution über Wasser.

Wer sich die Videos von Mirnour anschaut, dem ist schnell klar: Berlin ist längst nicht nur Partymetropole für immer mehr junge Leute aus aller Welt. Der derzeit vielleicht angesagteste Treffpunkt für Touristen. Berlin ist auch die Hartz IV-Hauptstadt der Republik. Nirgendwo sonst gibt es so viele Obdachlose wie hier. Schätzungen zufolge leben hier inzwischen mehrere Tausend Menschen auf der Straße. Tendenz steigend. Mirnours Videos sind nicht unbedingt das, was viele Leute gerne sehen wollen. Sie tun weh. Die meisten Interviews haben erst ein paar Hundert Zuschauer gefunden. Aber einen Blick sind „Straßen von Berlin“ allemal wert.

Wer nicht gleich in die einzelnen Gespräche abtauchen mag, der kann sich erst mal einen groben Überblick verschaffen. Vor kurzem hat der Berliner Tagesspiegel eine Videoreportage über das Projekt des jungen Medienmanagers Mirnour produziert.

Ihr Webreporter Andreas Kaiser