12.05.2015

Seelsorger auf Mission im Mittelmeer

Ein unerwarteter Marschbefehl

Bei der Flüchtlingsrettungsaktion der deutschen Marine im Mittelmeer ist künftig erstmals auch ein katholischer Militärseelsorger an Bord. Der Flensburger Militärdekan Michael Gmelch (56) schifft sich am Freitag im italienischen Tarent für einen Monat auf den Einsatzgruppenversorger "Berlin" ein. 

 

Michael Gmelch ist Militärseelsorger und schifft sich
für einen Monat auf den Einsatzgruppenversorger "Berlin" 
ein. Foto: kna-bild

Herr Gmelch, waren Sie von dem Einsatz überrascht? 
Das ist ein wirklich unerwarteter Marschbefehl. Das erwischt mich schon heftig, weil viele dienstliche und private Planungen über den Haufen geworfen werden. Es ist gerade mal drei Wochen her, dass ich die "Berlin" auf der Insel Mauritius verlassen habe. Wir waren im Indischen Ozean unterwegs. Mein Seesack ist noch an Bord - der sollte bis Wilhelmshaven mitfahren und von dort nach Flensburg geschickt werden. Jetzt finde ich meine Uniform und Schutzbekleidung schneller wieder als erwartet. 

 

Was geht Ihnen als Priester durch den Kopf, wenn Sie jetzt Flüchtlinge im Mittelmeer retten helfen? 
Ich hätte es mir niemals träumen lassen, dass mich das Wort der Bibel: "Ich werde euch zu Menschenfischern machen" auf so ungeahnte Weise einholen würde. Man liest dieses Bibelwort von den Menschenfischern ja immer mit frommem Gemüt, versteht es als Aufforderung an die Christen, andere für den Glauben zu gewinnen. Plötzlich bekommt das Jesus-Wort eine ganz andere, ja brutale Bedeutung: Wir sollen Menschen aus dem Wasser fischen, ihnen helfen zu überleben. Papst Franziskus hat ja bei seinem Lampedusa-Besuch für eine solche Aufgabe der Kirche geworben. Dass ich jetzt ganz vorne mit dabei sein kann, macht mich natürlich froh. 

 

Was können Sie denn konkret auf dem Schiff tun? 
Ich komplettiere ein multiprofessionelles Team: Es gehen Ärzte, Psychologen, Experten für anstreckende Krankheiten und Dolmetscher mit an Bord. Und eben auch ein Seelsorger... 

 

... der zuerst für die Besatzung oder für die Flüchtlinge zuständig ist?
Zuerst mal kümmere ich mich um die Besatzung, biete Gottesdienste und Gespräche an. Aber natürlich werde ich auch versuchen, für die Flüchtlinge da zu sein. 

 

Die Besatzung wird erheblich unter Stress stehen... 
Die meisten von ihnen sind seit 1. März auf See. Erst sind sie um Afrika herum gefahren, jetzt plötzlich sind sie im Mittelmeer. Sie mussten in Griechenland alles Nötige für die Rettungsmission laden: Decken, Liegen, Medikamente, Sanitäranlagen. Das Hubschrauberdeck des Schiffes sieht aus wie ein großes Zeltlager. Aber trotz allem Stress wird es eine große Genugtuung für die jungen Soldaten sein, Flüchtlingen das Leben retten zu können. Sie treten nicht abstrakt für Frieden ein, sondern helfen konkreten Menschen. 

 

Wie sind Sie als Geistlicher vorbereitet für ihre Aufgabe? 
Ich habe Kompetenzen in Psychologie und Psychotherapie, war 13 Jahre Klinikseelsorger und bin deshalb erfahren im Umgang mit Tod, Trauer und Begleitung in Krisensituationen. Seefahrtserfahrungen habe ich unter anderem durch Begleitung der Offizieranwärter auf dem Segelschulschiff Gorch Fock gesammelt. Drei Jahre war ich zudem Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Auslandsgemeinde in Neu Delhi - ich habe keine Berührungsängste im Umgang mit armen Menschen aus einem anderen Kulturkreis. Wie es der Zufall will, habe ich im März in Tunesien auch noch einen Arabisch-Sprachkurs gemacht. Ich kann manche Flüchtlinge zumindest in ihrer Sprache ansprechen. 

 

Es gibt die Kritik, dass die Flüchtlingsrettung nur den Schleuserbanden in die Hände spielt. 
Natürlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass sie sich auf die neue Situation einstellen und nun noch mehr Flüchtlinge auf das Meer schicken. Aber die Rettung von Menschenleben hat oberste Priorität. Das andere ist Aufgabe der Politik: Sie muss die Fluchtursachen bekämpfen, dazu beitragen, dass die Menschen in ihren Heimatländern eine Zukunft haben. Das alles wird Jahrzehnte brauchen. 

 

Mit welchem Gefühl fahren Sie jetzt los? 
Es hilft mir ungeheuer, dass viele Bekannte, Freunde und Verwandte bei mir anrufen oder mir schreiben. Es sind viele, die mir jetzt Kraft und Glück wünschen und es als positiv bewerten, dass die Kirche nicht wegschaut. Es entsteht ein großes Netz der Solidarität.

kna