08.06.2016

Humanitäre Korridore

Ein sicherer Weg nach Europa

2500 Flüchtlinge sollen in diesem Jahr bereits im Mittelmeer ertrunken sein. Eine sichere Einreise nach Europa – das will die katholische Gemeinschaft „Sant’Egidio“ mit „humanitären Korridoren“ erreichen. 

Ein sicherer Weg für Menschen nach Europa - das möchte die Gemeinschaft Sant'Egidio mit "humanitären Korridoren" erreichen. Damit diese Bilder der Vergangenheit angehören. Foto: UNHCR/Hereward Holland

Die Freude war unbeschreiblich, als am 29. Februar die erste Maschine aus Beirut in Rom landete. 93 syrische Flüchtlinge, darunter 41 Minderjährige, Schwerkranke und Folteropfer, hatte die katholische Gemeinschaft Sant’Egidio in Kooperation mit evangelischen Initiativen auf eigene Kosten aus libanesischen Flüchtlingscamps ausfliegen lassen. 

Mit ihren „humanitären Korridoren“ will die 1968 in Rom als Laienorganisation gegründete Gemeinschaft innerhalb von zwei Jahren insgesamt 1000 „besonders schutzbedürftige Flüchtlinge“ aus dem Libanon, Marokko und Äthiopien nach Italien holen, um so „weitere Todesfahrten über das Mittelmeer zu verhindern“. Im Gastland angekommen, unterstützt die Gemeinschaft, die inzwischen in rund 70 Staaten aktiv ist und weltweit mehr als 50 000 Mitglieder hat, die Flüchtlinge dann bei der Integration, gibt Sprachunterricht, begleitet sie bei Behördengängen, hilft ihnen bei der Suche nach Schul- oder Arbeitsplätzen sowie Wohnungen. 

Da Sant’Egidio in Italien bestens vernetzt ist – ihr Gründer Andrea Riccardi war von 2011 bis 2013 Minister – konnte man bei der Regierung rasch eine Einverständnis-
erklärung für das Projekt erwirken. Nun möchte die Gemeinschaft ihr Vorhaben auf andere europäische Länder ausweiten, etwa auf Deutschland. 

Auf Nachfrage teilte das Innenministerium dieser Zeitung allerdings mit, dass die Bundesrepublik – abseits der illegalen Flüchtlingsströme – seit 2013 von sich aus rund 25 000 besonders Schutzbedürftige im Rahmen verschiedener Hilfsprogramme aufgenommen hat und weitere 30 000 aufnehmen wird. 

 

Bedenken von Staat und Kirche gegen das Projekt

Angesichts der gewaltigen Herausforderungen von insgesamt 1,5 Millionen Einwanderern seit Anfang 2015 seien weitere Aufnahmeprogramme „kaum zu realisieren“. Obwohl der Berliner Kardinal Heiner Koch Sant’Egidio unterstützt, gibt es auch innerhalb der katholischen Kirche Bedenken. So könne in der aktuell angespannten politischen Lage der fatale Eindruck entstehen, hier schwinge sich eine Laienorganisation zum Herrn eines politischen Verfahrens auf und entscheide subjektiv, wer in den arabischen Flüchtlingscamps bleiben muss und wer gehen darf. 

Diese Kritik allerdings weist Sant’Egidio zurück. Auch bei den humanitären Korridoren erfolge die Auswahl der Flüchtlinge – ähnlich wie bei staatlichen Programmen – „nach Kriterien, die das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, UNHCR, anwendet“, sagt Sprecherin Susanne Bühl. „Es geht darum, Leben zu retten.“ Das sieht auch Papst Franziskus ähnlich. Er würdigte das Projekt bereits im März als „konkretes Beispiel“ für den Einsatz für den Frieden und das Leben.

Von Andreas Kaiser