27.09.2017

Der Hymnus im Philipperbrief

Ein Lob auf das Lob

Heute kennt man die Nationalhymne und Vereinshymnen im Sportstadion. Gottesdienste klingen oft weniger begeisternd. Dabei sind Hymnen wie der aus dem Philipperbrief ursprünglich Loblieder, die den Gottesdienst prägten.


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In charismatischen Gottesdiensten wird Gott laut gelobt und gepriesen. Auch wenn Katholiken dabei oft frösteln: Lobpreis ist ganz auf biblischer Linie. Foto: kna


„Halleluja. Amen. Preiset den Herrn!“ Wenn in charismatischen Gottesdiensten die Arme in die Luft fliegen, die Augen gen Himmel blicken und die ekstatischen Jubelrufe einander übertönen, dann läuft es manchem Katholiken kalt den Rücken runter. Ein bisschen weniger Jubel tut es auch. Gesetzte Orgelmusik strahlt mehr Würde aus als die boxenverstärkte Lobpreis-Band, und das Gloria der Engel auf den Feldern war auch eher zart. Lauter hymnischer Lobpreis: Das ist nicht typisch für unsere Sonntagsmessen.


Philipperhymnus: ein Lied aus der Liturgie

Dabei steht fest: Die ersten Christen haben in ihren Gottesdiensten sehr viel mehr gelobt als gebeten und ermahnt. Hymnen nennt man diese Lieder, die uns aus urchristlicher Zeit überliefert sind: Hymnen auf die Größe Gottes und Hymnen auf Christus und seine Erlösungstat. „Singt Gott Psalmen, Hymnen und Lieder, wie sie der Geist eingibt, denn ihr seid in Gottes Gnade“, heißt es im Kolosserbrief. Und im Phi-
lipperbrief steht der berühmteste Christushymnus: „Er war wie Gott, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein ...“ Er endet geradezu mit einem Befehl zum Lobpreis: „Jede Zunge“ solle bekennen: „Jesus Christus ist der Herr – zur Ehre Gottes, des Vaters.“

Experten sind sich sicher: Diesen Text hat nicht Paulus, der Verfasser des Briefes an die Philipper, erfunden. Diesen Text gab es schon eher. Es ist auch kein Text, sondern ein Lied und stammt aus der frühchristlichen Liturgie, aus der Zeit der ersten zwanzig Jahre nach Tod und Auferstehung Jesu. Und genauso wie andere neutestamentliche Lieder sind sie keine Bitten, keine Gebete, sondern Proklamationen, laute Bekenntnisse, Lobpreis, Amen, Halleluja – auch wenn man nicht weiß, wie es damals geklungen hat.

Die Tatsache, dass Liturgie und Gottesdienst in erster Linie ein Lobpreis sind, kann man theoretisch in jeder Messe und  im Stundengebet der Kirche erkennen. Einer kleiner Streifzug durch die Liturgie macht das deutlich. Beginnen wir mit der Messe:

Gleich zu Beginn der Messe steht das „Kyrie“. Wir legen die Betonung oft auf das „Erbarme dich!“ und sind auf Schuldgefühl gestimmt. Tatsächlich aber liegt die Betonung des Rufes auf dem „Kyrios“, dem „Herrn“, der genauso heute in der Lesung vorkommt: „Jesus Christus ist der Herr!“ „Kyrie eleison“ ist ein alter Begrüßungsruf, der dem römischen Kaiser galt: Das Volk jubelte ihm damit zu, wenn er sich öffentlich zeigte. Die römischen Christen, denen wir einen großen Teil unserer Liturgie verdanken, haben den Ruf schlicht umgedeutet: Nicht der Kaiser ist unser Herr, sondern Jesus Christus. Ihm jubeln – nicht murmeln – wir am Anfang des Gottesdienstes zu.

Direkt im Anschluss folgt der nächste Jubel: „Gloria in excelsis Deo – Ehre sei Gott in der Höhe.“ Eine klassischer Gotteshymnus, sehr alt, aus der ganz frühen christlichen Liturgie, nicht in der Bibel überliefert, aber mit kleinen Anklängen an die Engel auf den Feldern von Betlehem (Lukas 2,14). Es ist ein gewaltiger Lobpreis auf den dreifaltigen Gott. „Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an, denn groß ist deine Herrlichkeit ... Herr und Gott, König des Himmels, Herrscher über das All.“ Was für Lobeshymnen! Charismatische Christen würden sie spürbar zum Jubeln bringen – viele unserer Gemeinden bekommen zum Loben kaum den Mund auf.


„Hochgelobt sei, der da kommt “

Der dritte große Hymnus der Messe ist das Sanctus. Auch gewaltig. Und biblisch, denn es geht zurück auf eine Himmelsvision des Propheten Jesaja: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die ganze Erde erfüllt“ (Jesaja 6.3), jubeln die Engel im Himmel. „Hosanna in der Höhe, hochgelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn“, jubeln dagegen die Bewohner Jerusalems beim Einzug Jesu (Matthäus 21,9). Ein kombinierter Gottes-Christus-Hymnus als Antwort der Gemeinde auf das große Lob- und Dankgebet, das der Priester zuvor gebetet hat. Noch ein Loblied, das nicht immer sehr hymnisch daherkommt.

Doch nicht nur in der Messe wird gelobt, auch im täglichen Stundengebet ist das so. Zugegeben, regelmäßig gebetet wird es eher von Diakonen, Priestern und Ordensleuten. Aber die wichtigsten Gebetszeiten, das Morgenlob (Laudes) und das Abendlob (Vesper) sind auch anderen Betern bekannt.


Von morgens bis abends ein einziges Lob auf Gott

Wie der Name schon sagt: Das ganze Gebet ist ein Lob. Nehmen wir diesen Sonntag: Die Laudes beginnt, wie jede Gebetszeit, mit einem Hymnus: „Lob sei dem Vater auf dem höchsten Throne ...“, heißt es da. Und nach einem Dankpsalm geht es weiter mit dem biblischen Lobgesang der drei Jünglinge aus dem Feuerofen (Daniel 3,52-57): „Gepriesen bist du, Herr, du Gott unserer Väter, gelobt und gerühmt in Ewigkeit ...“ Und nach einem weiteren Lobpsalm folgt – wie in jeder Laudes – der Lobgesang, den Zacharias nach der Geburt seines Sohnes Johannes anstimmte: „Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels ...“ (Lukas 1,68–79).

Das ist wichtig: Der kirchliche Tag beginnt nicht mit Bitte oder Mahnung, er beginnt mit dem Lobpreis Gottes. Und er endet auch so im Abendlob. „Das Heil und die Herrlichkeit und die Macht ist bei unserem Gott. Halleluja.“ Und – wie in jeder Vesper – der Lobgesang Mariens: „Meine Seele preist die Größe des Herrn!“ (Lukas 1,46-55).

Nein, den meisten Katholiken ist das armeschwenkende Jubeln der Charismatischen Bewegungen fremd. Sie jubeln zurückhaltend. Aber vielleicht dürfte es manchmal etwas mehr sein.

Von Susanne Haverkamp