24.02.2016

Das „Herzensgebet“, eine uralte Praxis der christlichen Meditation, erlebt heute eine Renaissance

Ein Gebet, das nie endet

Wo immer ich bin, ist Gott schon da. Zu jeder Stunde offen zu sein für die Anwesenheit Gottes, das ist das Ziel des „Herzensgebets“. Einsiedler der ersten Jahrhunderte, die in der Wüste lebten, haben diese Gebetsform erfunden. 

Das Herzensgebet kann in jeder Situation gebetet werden. In einem Gebetsraum wie hier im Haus Damiano, aber auch in der Schlange vor der Kasse. Von links: Schwester Maria Magdalena, Schwester Klara, Schwester Juliane. 

Das Herzensgebet ist eine alte christliche Meditationsform. Dass sie heute wieder Anklang findet, liegt auch an ihrer „Alltagstauglichkeit“. „Es ist unabhängig von bestimmten Zeiten und Orten. Wer darin eingeübt ist, kann das Herzensgebet überall anwenden. In der Stille, aber auch beim Warten an der Einkaufskasse“, sagt Schwester Maria Magdalena. Mitten in Kiel, im Franziskanerinnenkloster Haus Damiano, bieten drei Ordensfrauen Einführungen in das Herzensgebet an. Für Schwes-ter Juliane, Schwester Klara und Schwester Maria Magdalena gehört diese Form zur bewährten Gebetspraxis. Um sie ist sogar ein fester Kreis entstanden, der sich regelmäßig trifft. 

Das Herzensgebet, auch Jesusgebet genannt, besteht aus der Wiederholung eines einzigen Satzes. Am gebräuchlichsten ist der Ruf: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!“ Es gibt auch andere Worte. Etwa nur „Jesus Christus“, oder „Jesus, segne mich!“ 

Das klingt sehr einfach, ja dürftig. Die Wirkung des Herzensgebets aber entfaltet sich nach langer Einübung. „Wenn ich es oft bete, wird es im Laufe der Zeit selbstverständlich und mühelos wie das Ausziehen des Mantels oder wie die Vokabeln, die ich irgendwann gelernt habe und heute kann“, sagt Schwester Maria Magdalena. 

Ein Mittel gegen Ablenkung und Zweifel

Die Wüstenväter und Wüstenmütter, die in Nordafrika als Einsiedler lebten, haben in dieser einfachsten aller Gebetsübungen ein Mittel gegen die Ablenkung gefunden. 

In der Einsamkeit lauerten viele Versuchungen. Die größte war die Versuchung der Zerstreuung und des Zweifels. „Was wäre, wenn ich Geld hätte? Könnte ich nicht viel besser leben? Wäre es besser, wenn ich nicht fastete?“ Das Chaos der Möglichkeiten verführte die Asketen in vielen Bildern, die vor ihren Augen auftauchten und wieder verschwanden. Deshalb suchten sie ein Gebet, in dem kein Bild vom Wesentlichen ablenken konnte. Sie entfernten alles Gegenständliche, alle Bilder und Gedanken und komprimierten das Gebet bis zum äußersten Kern: dem Anruf Jesu. 

Das Herzensgebet blieb über Jahrhunderte in der griechischen und russischen Ostkirche lebendig. Ende des 19. Jahrhunderts führte ein Buch namens „Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers“ dazu, dass diese Meditationsform weltweit und in allen Konfessionen Verbreitung fand. 

Die „aufrichtigen Erzählungen“ erzählen die Geschichte eines verarmten Pilgers. Das Pauluswort „Betet ohne Unterlass!“ (1. Thessalonicher 5,17) beeindruckt ihn. Er will tatsächlich ohne Unterlass beten, weiß aber nicht wie. Ein Starez (Mönch) empfiehlt ihm das Jesusgebet. Der Pilger geht weiter. 

Er muss Gefahren bewältigen, Umwege gehen, überall locken Attraktionen, die ihn vom geraden Weg locken. Der Pilger aber setzt dem immer Anderen das immer Gleiche entgegen. Und er erfährt, wie das sich immer wiederholende Gebet ihn gegen diese Einflüsse immun macht. So verlieren die Einflüsse ihre Macht. Je mehr er die Worte spricht, desto ruhiger und gelassener wird er. „Die Situation dieses Pilgers ist uns ja nicht fremd“, sagt Schwester Klara. „Sie entspricht im Grunde unserem Alltagsleben.“ 

Wie kann man in diese Gebetspraxis hineinkommen? Es gibt in vielen Klöstern und geistlichen Bildungszentren Einführungskurse in das Jesusgebet, auch gemeinsame Gebetszeiten. Aber anfangen kann jeder sofort. Dabei ist das Jesusgebet – trotz der Kürze seiner Worte – nichts für Ungeduldige. „Das kontinuierliche Beten wird zuerst meist als anstrengend empfunden. So wie es anstrengend ist, Vokabeln zu lernen. Aber mit der Zeit lässt das nach.“ Auch dürfe der Betende nicht außerordentliche Ereignisse erwarten. Schwester Juliane: „Es ist nicht so, dass man ständig tiefe Gefühle dabei haben muss. Sie stellen sich zu Zeiten ein, in denen ich sehr klar und sehr nah bei Gott fühle. Aber dagegen gibt es auch lange Zeiten der Übung, in denen diese Empfindungen nicht da sind.“ 

Der eigene Atem hilft beim Beten

Eine Hilfe ist, das Gebet durch den Rhythmus des Atems zu unterstützen. Einatmen bei den Worten „Herr Jesus Christus“, ausatmen im zweiten Satz „erbarme dich meiner.“ 

Entscheidend ist aber nicht, was der Beter tut. Denn eigentlich besteht dieses Gebet darin, sich offen zu halten für Christus, der in ihm spricht. Schwester Maria Magdalena: „Letztendlich ist es die Beständigkeit Gottes in unserem Leben, auf die ich antworte. Die Beständigkeit Gottes ist für Menschen von heute schwer nachzuvollziehen. Aber wir sind angewiesen auf bestimmte Formen der Beständigkeit und Verlässlichkeit – also Gegenpol zu dem, was unsere Zeit von uns will.“ 

Die theologische Grundlage des beständigen Betens finden sich in der – oft übersehenen – Mys-tik des Apostels Paulus. „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“, heißt es im Galaterbrief (2,20). Und wenn das Gebet stumm bleibt oder schwierig wird, betet der Geist in uns, lehrt der Apostel im Römerbrief (8,26). „Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen. Der Geist selber jedoch tritt für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können.“ 

Kontakt: 
Haus Damiano, Franziskanerinnen von St. Mauritz Münster, 
Krusenrotter Weg 41, 24113 Kiel; Tel. 0431 / 364 32 42, 
www.haus-damiano-kiel.de;
an jedem zweiten Mittwoch im Monat um 17 Uhr lädt das Kloster zum gemeinsamen Herzensgebet ein.

Text u. Foto: Andreas Hüser