25.01.2017

Trauer um den am 19. Januar verstorbenen Publizisten und Märtyrer-Experten Martin Thoemmes

Ein Chronist mit Humor und Herzenswärme

Der Lübecker Publizist Martin Thoemmes ist am 19. Januar nach einer schweren Krebserkrankung gestorben. Er wurde 61 Jahre alt. Eine Agenturmeldung beschreibt ihn als „Lübecker-Märtyrer-Experten“. Als solchen kennen ihn viele, nicht zuletzt durch die Märtyrer-Beiträge in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, für die Martin Thoemmes regelmäßig geschrieben hat. Er hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Erinnerung an die Lübecker Märtyrer keine regionale Überlieferung blieb. 

Martin Thoemmes 2011 im Gespräch mit dem Theologen Professor Stephan Pfürtner. Er geriet im Zuge der Märtyrer-Verhaftungen in Gestapohaft, wurde zu einer Haftstrafe verurteilt.   Foto: Andreas Hüser

Aber Thoemmes war nicht nur Experte in dieser Sache. Seine Mutter Gisela Thoemmes, geborene Gunkel, gehörte zu den jugendlichen Freunden von Kaplan Johannes Prassek. Mit ihrer Familie war er befreundet und vertraut. Einige der eindrucksvollsten Gefängnisbriefe des Märtyrers und Seligen Johannes Prassek sind an Gisela Gunkel gerichtet. Das Martyrologium, das zur Todesstunde der Märtyrer in der Krypta der Propsteikirche verlesen wird, stammt aus ihrer Feder. Martin Thoemmes’ Vater Ulrich war Arzt, ein führender Mann unter den katholischen Laien der Stadt und Vorsitzender der Thomas-Mann-Gesellschaft. Der Sohn wuchs damit in einer Welt auf, die andere nur aus dem Deutsch- und Geschichtsunterricht kennen. Zum Freundeskreis der Familie gehörten der Philosoph Hans Blumenberg, der Theologe Stephan Pfürtner; zu Gast waren der Dichter Uwe Johnson und viele Vertreter der Stadtprominenz. 

Martin Thoemmes war Lübecker, er blieb es auch nach dem Theologie- und Philosophiestudium in Freiburg. Lübeck, diese merkwürdige deutsche Stadt, in der Mittelalter und Moderne, Provinz- und Weltgeist zusammenprallen, hat ihn nie losgelassen. Zu Lübeck gehört die dunkle Seite, von der das Schicksal der Märtyrer kündet. Aber es waren auch Lübecker wie die Brüder Mann oder Willy Brandt, die den Deutschen einen Weg aus der geistigen Trümmerlandschaft wiesen. 

Zu dieser Stadt mit all ihren Schrecken, Schrullen, Geschichten und Geistesgrößen kann man eigentlich nur ein ironisches, humorvolles Verhältnis haben. Thomas Mann und Hans Blumenberg waren Meister darin. Bei Martin Thoemmes kam noch etwas dazu: zum Humor die Herzenswärme. Kein Wunder, dass so viele ihn kannten, schätzten und mochten. Er war ein Erzähler und liebte es, große Dinge in vermeintlich unscheinbaren Geschichten zu erzählen. Das tat er zum Beispiel in seinem viel gelobten Lübeck-Reiseführer, in etlichen Artikeln für den Rheinischen Merkur oder für die Frankfurter Allgemeine. Dabei blieb er selbst lieber im Hintergrund. Einen großen Teil seiner publizistischen Arbeit hat er als Lektor und im Dienst von Institutionen wie der Ostsee-Akademie gearbeitet. Auch das 2012 erschienene Buch „Sag niemals drei, sag immer vier – Das Gedenken an die Lübecker Märtyrer von 1943 bis heute“ war eher eine Auftragsarbeit, in der Thoemmes seine feuilletonistische Stärke kaum ausspielen konnte.

Noch im November schrieb er für die Neue KirchenZeitung einen Beitrag über Johannes Prasseks bisweilen „herrliche Schnurren“ und steuerte für die Weihnachtsausgabe einen Beitrag über die „Stille Nacht“ bei. 

Sein letztes Buch hat Martin Thoemmes nicht mehr schreiben können. Er wollte anhand der Briefe von Kaplan Prassek, Josefine und Gisela Gunkel die Geschichte der Freundschaft zwischen dem seligen Märtyrer und seiner eigenen Familie erzählen. Das knappe Jahr, das ihm zwischen seiner Krebsdiagnose und seinem Tod blieb, reichte dafür nicht aus. Sein Tod ist ein Verlust für alle, die mit ihm zusammengearbeitet haben und die sich für das einzigartige Zeugnis der vier Lübecker Geistlichen interessieren. Aber wir können diesen Tod auch nicht ohne Hoffnung und Freude sehen, nicht ohne die Worte des seligen Johannes Prassek, geschrieben wenige Stunden vor seinem Tod am 10. November 1943:  „Seid nicht traurig! Was mich erwartet, ist Freude und Glück, gegen das alles Glück hier auf der Erde nichts gilt.“

Text u. Foto: Andreas Hüser