17.05.2017

Ökumenische Pfingstfeier erinnert an die Reformation vor 500 Jahren

Ein Brausen vom Himmel

Am 5. Juni, zu Pfingstmontag, laden evangelische und katholische Christen nach Schwerin ein, um im Dom und auf dem Marktplatz Pfingsten zu feiern und an die Reformation vor 500 Jahren zu erinnern. Warum sollte man dabei sein? 

Schweriner Geistliche laden ein: links Volker Mischok, rechts Heiko Kiehn
Schweriner Geistliche laden ein: links Volker Mischok, rechts Heiko Kiehn. Foto: Maren Warnecke

Rund 1 000 Menschen werden erwartet. Landesbischof Gerhard Ulrich und Erzbischof Stefan Heße werden predigen. Ministerpräsident Erwin Sellering hält die Tischrede zur gemeinsamen Mahlzeit auf dem Markt. Der evangelische Domprediger Volker Mischok und der katholische Pfarradministrator Heiko Kiehn laden als Schweriner Geistliche alle Christen aus dem Norden zum Mitfeiern ein. 

Warum feiern Sie gerade zu Pfingsten dieses Fest?

Volker Mischok: Ja, wann, wenn nicht zu Pfingsten? Erst in den letzten Tagen habe ich die Pfingstberichte in der Apostelgeschichte wieder gelesen: Welche Lebendigkeit atmen die alten Texte bis heute! Damals, was für ein überraschender Aufbruch! Wir sehnen uns heute nach neuer Beweglichkeit in der Kirche und mit der Kirche in der Welt, in die Welt hinein. Wir machen den Heiligen Geist nicht, wir sollten auch nicht so tun, als ob, und selbst die Backen aufblasen. Aber: Wir rufen nach dem Heiligen Geist, wir erbitten ihn, wir halten ihm unsere Herzen und Sinne als Segel hin. Wir sind in Erwartung des „Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel…“.

Was genau erwartet die Menschen in Schwerin?

Heiko Kiehn: Wir haben das Reformationsjahr 2017 bisher als gemeinsames Christusfest begangen: zum Advent 2016 in Schleswig, beim Ökumenischen Kreuzweg am Karfreitag in Lübeck und am Ostermontag in Hamburg. Am Pfingstmontag in Schwerin erwartet die Menschen die Erfahrung, dass wir als Christen hier auch als Minderheit nicht alleine stehen und keineswegs unter uns bleiben wollen, sondern dass wir gerne und froh miteinander unseren Glauben leben und teilen und so gemeinsam Zeugnis geben von der Freude und Hoffnung, die uns erfüllt.

Was bewundern Sie an Luther und was ärgert Sie an ihm?

Volker Mischok: Ach, ich lese beinahe täglich Luther. Ein großer Schatz in meiner Bibliothek ist die Erlanger Ausgabe von Luthers Werken, 65 Bände. Seine Predigten und Streitschriften atmen so eine Energie! Da ist nichts von „gottgeliebter Langeweile“, wie ein befreundeter Pastor unser Reden manchmal bissig nennt. Anstecken, anstiften lasse ich mich von Luther, er feuert, er luthert mich an. Wenn ich in einer Predigt mal nicht Luther zitiere, werde ich am Ausgang schon nach dem Grund gefragt. Dass es mitunter auch mit ihm durchgeht – gut. Besser als steckenbleiben. Weh tun mir seine antijüdischen Ausfälle, dafür schäme ich mich. Warum war Luther hier so zeitkonform und kurzsichtig? Das haben wir deutlich zu korrigieren. Aber, dass er hier und da mal einem was kräftig auf den Deckel haut – in Christus und in Nächstenliebe – warum nicht?

Mit welchen Thesen würden Sie heute gerne Ihre Kirche und auch die Welt verändern?

Heiko Kiehn: Meine These ist eine biblische: Fürchtet euch nicht! Die Kirche bedarf immer wieder der Reformation, um die Frohe Botschaft verständlich in die Welt zu tragen. Wir sollten vor mancher Veränderung und auch vor Menschen keine Angst haben! Gott ist die Liebe, und wenn wir als Christen aus dieser Liebe leben und sie in Gedanken, Worten und Werken an andere weitergeben, bin ich davon überzeugt, dass es sowohl in unserer Kirche als auch in der Welt noch viel besser aussehen kann.

Was wünschen Sie sich für das Miteinander von Protestanten und Katholiken, auch hier vor Ort?

Volker Mischok: Ich wünsche mir als Evangelischer, dass wir mit unseren katholischen Schwes-tern und Brüdern auf einem Weg bleiben, in treuer und aufrichtiger, in geeinter Verschiedenheit. Wir leben hier in Schwerin miteinander kirchlich auf Sicht- und Hörweite. Wenn ich sonntags zum Gottesdienst fahre und an St. Anna vorüberradele, dann bete ich für die Schwestern und Brüder und weiß, dass auch sie ein gutes Wort beim lieben Gott für mich einlegen. Wunderbar, danke! Ich brauche das.

Heiko Kiehn: In Schwerin erlebe ich ein konkretes und verbindliches Miteinander im Glauben. Als Minderheit können wir uns auch keine Grabenkämpfe zwischen den Kirchen erlauben.

Interview: Stefan Döbler und Martin Innemann