29.03.2017

Der „Friedhof für Heimatlose“ in Westerland auf Sylt

Die Toten hinter der Düne

In Westerland auf Sylt gibt es einen „Friedhof für Heimatlose“, auf dem im 19. Jahrhundert Wasserleichen bestattet wurden. Heute gehört das Areal gegenüber der St. Christophorus Kirche zu den Sehenswürdigkeiten des Ortes.


Eingangstor zum Friedhof für Heimatlose und einige der Holzkreuze.  Foto: kna / Marco Heinen

Wasserleichen wurden früher regelmäßig an den Stränden von Sylt gefunden. Vor allem auf der Westseite der Insel, wo Wind und Gezeiten die toten Körper anspülten. Wenn sie entdeckt wurden, dann war es ein kleines Ereignis, zu dem Insulaner und Sommerfrischler herbeikamen. „Das hatte fast Volksfestcharakter“, berichtet Heike Kamp (42), die gelegentlich Besuchergruppen durch die Stadt und zum Friedhof führt.

In den früheren Jahrhunderten, wenn Segelschiffe und Fischerboote in schwere See gerieten, forderte der Blanke Hans seinen Tribut, und so mancher Seemann ging über Bord. Erst Tage oder Wochen später spie die Nordsee die Männer wieder aus. Für diese armen Menschen legte Stranddirektor Wulf Hansen Decker 1854 einen „Friedhof für Heimatlose“ an – und zwar direkt hinter der Dünenkette bei Westerland. Entlang der deutschen Nordseeküste wurden eine ganze Reihe solcher Begräbnis- und Gedenkorte eingerichtet, wobei einige inzwischen wieder aufgegeben wurden.

Der Friedhof in Westerland, der 1907 offiziell geschlossen wurde, gehört noch heute zu den interessantesten Sehenswürdigkeiten der Insel Sylt. Er befindet sich direkt im Wohngebiet gegenüber der katholischen Kirche St. Christophorus. Als der Friedhof angelegt wurde, lag er noch vor den Toren des Ortes, erklärt Heike Kamp. Dort wollte man den Menschen, deren Identität in der Regel unklar blieb, einen Ort der ewigen Ruhe gewähren. Allerdings nicht in geweihter Erde, „weil man ja nicht wusste, ob das Selbstmörder sind oder ob sie überhaupt getauft waren“. Denn für Selbstmörder und Ungetaufte war auf dem Friedhof der alten evangelischen Dorfkirche Sankt Niels kein Platz.

Laut einer Gedenktafel auf dem Friedhof für Heimatlose wurde dort am 4. Oktober 1855 der erste unbekannte tote Seemann beigesetzt. Er war tags zuvor am Strand von Westerland gefunden worden. Am 2. November 1905 wurde der letzte Unbekannte begraben. 23 Seeleute vom Westerländer Strand, 15 vom Rantumer Strand und 15 vom Hörnumer Strand fanden auf dem Friedhof ihre letzte Ruhestätte. Auf den Holzkreuzen stehen jeweils der Auffindeort der Leichen und das Datum. Und dann gibt es da noch Harm Müsker, der Einzige, dessen Identität geklärt werden konnte und an den ein persönlicher Gedenkstein erinnert.

Für weitere Wasserleichen war kein Platz mehr und an eine Vergrößerung des Areals war nicht zu denken, weil auch Westerland gewachsen war. Wie Heike Kamp berichtet, werden Strandleichen seither in einem separaten Bereich auf dem neuen Friedhof hinter Sankt Niels beerdigt.

Text u. Foto: Marco Heinen/kna