15.12.2016

Interview mit Erzbischof Ludwig Schick zur Lage in Aleppo

Die Stunde der humanitären Hilfe

Die internationale Gemeinschaft darf die Menschen in Aleppo nicht im Stich lassen. Das betonte der Bamberger katholische Erzbischof Ludwig Schick als Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz. 

Bild eines zerstörten Stadtteils in Aleppo im September 2016
Foto: KNA

Erzbischof Schick, die Nachrichten aus Aleppo erschrecken viele und erzeugen ein Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit. Kann man trotzdem etwas tun?
Dies ist die Stunde der humanitären Hilfe. Die ganze Weltgemeinschaft muss den leidenden Menschen in Syrien zur Seite stehen. Laut neuesten Berichten soll ja seit heute Nacht ein neuer Waffenstillstand gelten und Zivilisten sollen in Sicherheit gebracht werden. Dadurch scheint sich ein Fenster der Gelegenheit geöffnet zu haben, um vor allem die Zivilisten mit dem Notwendigsten zu unterstützen. Hilfe wird aber auch in jenen Gebieten gebraucht, in die die Bewohner Aleppos und der anderen umkämpften Orte geflohen sind. Die Kirche ist hier sehr aktiv. Aber unsere Hilfswerke brauchen Spender. Auch jeder in Deutschland kann also etwas Konkretes tun, um menschliches Leiden zu lindern.

 

Die Weltgemeinschaft scheint gelähmt, auch der UN-Sicherheitsrat blockiert sich gegenseitig. Sehen Sie irgendwo einen Funken Hoffnung für die Menschen in der Region? Was muss passieren?
Eine tragfähige Lösung des Syrien-Konflikts liegt noch in weiter Ferne. Es wird sie nur geben, wenn Regierung, Rebellen und die in den Krieg involvierten Mächte ernsthafte Verhandlungen beginnen. Allein auf militärischem Weg können die Tod bringenden Verwerfungen nicht überwunden werden. Ohne Dialog kein Frieden! Gerade Papst Franziskus ist derzeit bemüht, Gesprächskanäle zu öffnen. So hat er Präsident Assad in einem Brief nachdrücklich an die Menschenrechte, an den Schutz von Zivilisten und den Zugang zu humanitärer Hilfe erinnert - ein Schreiben, das in Syrien starke öffentliche Beachtung gefunden hat. Der Apostolische Nuntius, Kardinal Mario Zenari, den ich vor einigen Monaten besucht habe, ist einer der wenigen Botschafter, die trotz des Krieges in Syrien ausharren. So zeigt die katholische Kirche, dass sie die Hoffnung auf Frieden für das geschundene Land nicht aufgibt.

 

Erzbischof Ludwig Schick
Foto: KNA

Dürfen wir hier trotzdem fröhlich Weihnachten feiern, wenn gleichzeitig in Aleppo und an vielen anderen Orten Menschen leiden und sterben?
Wir dürfen nicht nur Weihnachten feiern, wir müssen es! Dieses Fest erinnert daran, dass Gott Mensch geworden ist, also die ganze Armut und Friedlosigkeit des Menschen an sich herangelassen und durchlitten hat. Die Liebe und Barmherzigkeit Gottes hat sich in Jesus ein menschliches Gesicht gegeben. Und darin liegt der Grund unserer Hoffnung auf Frieden: Gott selbst ist mit uns, wenn wir den Frieden bauen und der Gewalt nicht das letzte Wort lassen. Auch in Aleppo wird Weihnachten gefeiert. Der dortige maronitische Erzbischof, Joseph Tobji, sagte kürzlich: "Wir werden auf den Trümmern feiern, um zu erleben, dass die Hoffnung nicht stirbt, dass aus dem Tod Leben hervorkommt." Das ist die Perspektive, in der alle Christen das Weihnachtsfest auch in diesem Jahr begehen sollten.

KNA