04.01.2017

Lesestoff fürs neue Jahr

Die Reformation lesen

Das Jahr 2017 steht auch im Zeichen des Reformationsgedenkens. Über das, was Martin Luther nachhaltig prägte oder auch nicht, wie er lebte und dachte, über seine Mitstreiter und Gegner informieren zahlreiche Bücher. Eine kleine Auswahl.

Personen und Aspekte der Reformation: Lichtinstallation am Berliner Dom 2015. Foto: epd-bild

 

Luther für Einsteiger

Kurz und knapp, verständlich und dennoch ausgewogen und gehaltvoll fasst der Journalist Martin Thull das Wichtigste rund um das epochemachende Ereignis zusammen. Sehr schön seine zeitgenössischen Vergleichsbilder zu Themen wie Ablass oder Fegefeuer. Kurzum: Ein Büchlein für jedermann – als Einstiegslektüre oder zum Nachschlagen beim Lesen eines größeren Werkes.

Martin Thull: Luther für Einsteiger. Die Reformation in 95 Stichworten. Bonifatius Verlag, 107 Seiten, 9,90 Euro

 

Bilderschwärmerei

Von wegen: Protestanten sind bilderfeindlich. Katharina Kunters Bildband zur Geschichte der evangelischen Christenheit beweist das Gegenteil. Er bietet eine Menge zum Schauen und Schmökern: zeitgenössische Porträts von Reformatoren und Holzstiche zu Ereignissen, heroisierende Historienschinken bis hin zu Fotomotiven heutiger freikirchlicher Erben der Reformation. Eine Menge unbekannter Motive – zumal für katholische Augen – sowie eine chronologische Abfolge der europäischen, später weltweiten Christentumsgeschichte vom 14. bis ins 21. Jahrhundert. Der Stil erinnert an Geschichtsbücher im Schulunterricht, mitunter ermüden die vielen Namen und Zahlen ein wenig. Klar aus evangelischer Perspektive, aber ebenso kritisch gegenüber den Schattenseiten des Protestantismus.

Katharina Kunter: 500 Jahre Protestantismus. Eine Reise von den Anfängen bis in die Gegenwart. Palm, 240 Seiten, 19,95 Euro

 

Der Spalter

Wer noch einmal nachlesen möchte, warum katholische und evangelische Kirche am 12. März 2017 in der Hildesheimer Michaeliskirche einen Buß- und Versöhnungsgottesdienst feiern, dem sei Tillmann Bendikowskis „Der deutsche Glaubenskrieg“ empfohlen. Der Historiker und Journalist zeichnet die Geschichte der deutschen Lande nach, gekennzeichnet von konfessioneller Konkurrenz – im besten Fall – und oft aber offener Feindschaft und Hass. Ein Lehrstück über die oft unselige Vermengung politischer und wirtschaftlicher Interessen, verquickt mit religiösem Pathos und kulturellen Missverständnissen. Am Ende bleibt unter anderem ein Staunen, wie viel Vertrauen und ökumenische Gemeinsamkeit in den vergangenen 50 Jahren wachsen konnten.

Tillmann Bendikowski: Der deutsche Glaubenskrieg. Martin Luther, der Papst und die Folgen. Bertelsmann, 384 Seiten, 24,99 Euro

 

Der Mensch

Gut 700 Seiten ist sie stark, die Biografie Martin Luthers, verfasst von der Australierin Lyndal Roper. Die Historikerin hat in Deutschland geforscht, derzeit lehrt sie in Oxford/England. Ihre Sicht des Reformators ist differenziert, sie nennt seine Stärken und Schwächen, ohne die Widersprüche aufzulösen. Eine lohnende Lektüre für Leser mit Interesse an menschlichen Persönlichkeiten und mit einer Portion Lesekondition.

Lyndal Roper: Der Mensch Martin Luther. Die Biografie. S. Fischer, 729 Seiten, 28 Euro

 

Blick aus dem Süden

Religiöse Konflikte haben oft viel mit kulturellen Unterschieden, Geschmäckern und Selbstverständnissen zu tun. Das wird deutlich bei Volker Reinhardts Lesart des Konflikts zwischen Rom und den Reformatoren. Dazu hat er bislang unbekannte Quellen zur Reformation aus italienischer Sicht ausgewertet. So entstehen keine ganz neue Sicht und Bewertung der Personen und Entwicklungen, aber doch ein Bild, gezeichnet gegen den Strich der eher protestantisch beherrschten Forschung. Mit den von ihm beschriebenen Mentalitätsunterschieden zwischen Nord- und Südeuropäern sind heute übrigens oft auch Katholiken innerhalb ihrer eigenen Kirche konfrontiert.

Volker Reinhardt: Luther, der Ketzer. Rom und die Refor-mation. C.H. Beck, 352 Seiten, 24,95 Euro.

 

Und heute?

Bei früheren Reformationsjubiläen haben sich die Kirchen angegiftet; dieses Mal geben sie eine gemeinsame Schrift heraus. Mit Aussagen, die evangelische und katholische Kirche in Deutschland unterschreiben können: zum Umgang mit der Geschichte, zur Zukunft der Ökumene, zu strittigen Fragen und theologischen Schlüsselthemen wie Glaube und Werke, Freiheit und Autorität, Einheit und Vielfalt. Wertvoll ist der Entwurf für ökumenische Buß- und Versöhnungsgottesdienste. Eine Arbeitshilfe für Multiplikatoren und ökumenisch interessierte Christen.

EKD/DBK: Erinnerung heilen – Christus bezeugen. Ein gemeinsames Wort zum Jahr 2017. 89 Seiten, Bezug: Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Kaiserstr. 161, 53113 Bonn, dbk@azn.de

 

Zusammengestellt von Roland Juchem