04.01.2017

Elisabeth Lellbach war ihr Leben lang für Menschen da, die am Rande standen und Hilfe brauchten

Die Not vor der Haustür

Elisabeth Lellbach bekommt in diesem Jahr den Siemerlingpreis der Neubrandenburger Dreikönigsstiftung. Sie hat den Sozialdienst katholischer Frauen in Rostock aufgebaut. Schon als Kind war sie in der Sozialfürsorge tätig. 

In dicken Fotoalben ist die Erinnerung an Frauen bewahrt, die zur Rostocker SkF-Krebsgruppe gehörten. Elisabeth Lellbach betreut die Gruppe seit 30 Jahren.   Foto: Hüser 

Einmal im Monat deckt Elisabeth Lellbach den Tisch im Wohnzimmer festlich ein. Kunstvoll gefaltete Servietten krönen die Tafel. Kerzen brennen, und je nach Jahreszeit liegt ein Schokokäfer auf den zwölf Tellern oder ein Weihnachtsstern. Die Gäste, zwölf Frauen, bringen die Speisen mit: Wurst, Marmelade oder Brötchen. „Festessen“ nennt Elisabeth Lellbach das Frühstück. Danach gibt es Meditationen, kleine Vorträge und sehr viel Gespräche. „Ich merke schon bei der Begrüßung am Händedruck wie es jeder geht.“ Alle zwölf Frauen sind oder waren krebskrank. Seit 30 Jahren besteht die Gruppe. Sie könnte noch größer sein. „Ich bekomme sehr viele Anfragen, aber leider übersteigt das meine persönlichen Kräfte“, sagt die Ros-tockerin. Sie hat schon den 80. Geburtstag hinter sich. 50 war sie, als sie mit drei Frauen angefangen hat. Neun sind inzwischen gestorben. Die Erinnerungen an sie sind in dicken Fotoalben festgehalten.

Ein Kreis von Krebskranken – dazu gehörte Mut

 Anfangs gehörte Mut dazu, einen solchen Kreis zu bilden. „Krebs war ja ein Tabuthema. Niemand hat davon gesprochen. Im Betrieb durfte es keiner wissen, wenn eine Kollegin an Krebs erkrankt war.“ Die Krebsgruppe war nicht die erste Gründung, mit der Elisabeth Lellbach in der DDR gegen den Strom geschwommen ist. Fürsorgearbeit „vor der Haustür“ nennt Elisabeth Lellbach diesen Blick für die Not vor Ort. In Rostock-Evershagen hatte sie einen Kreis alleinerziehender Mütter gegründet. Erst hatte sie Kontakt mit einer Betroffenen, am Ende waren es 23. 

Elisabeth Lellbach hat ihren Einsatz „vor der Haustür“ gewissermaßen geerbt. Ihre Mutter, eine Rheinländerin, war schon in der Fürsorge tätig. Sie betreute nach Ende des Krieges Soldaten im Lazarett und ging zu den vielen Flüchtlingen, die in den Baracken in Dierkow untergebracht waren, die Tochter im Schlepptau. „Ich war schon damals bei Versehgängen dabei, habe Sterbende erlebt und habe oft bei Beerdigungen singen müssen.“ 

Kein Wunder, dass Elisabeth einen Sozialberuf ergriff. Schon als Studentin der Sprachheilpädagogik in Berlin koordinierte sie die Arbeit zwischen Rostock und Berlin für Kinder, die von zu Hause weggelaufen waren, oder für „ungewollte“ Kinder, die zur Adoption standen. Später wurde sie Erzieherin im Vorschulteil an der Sprachheilschule in Rostock und behandelte sprachgestörte Kinder, insbesondere Stotterer. 

„Ich will für meine eigenen Kinder da sein“

Ihre berufliche Tätigkeit gab sie auf, als die eigenen Kinder kamen. „Ich war inzwischen ja viel herumgekommen, habe Kindergärten und Heime kennengelernt, so dass für mich klar war: Ich will für meine eigenen Kinder da sein.“ Hausfrau zu sein, gehörte in der DDR zu den unerwünschten und daher seltenen ‚Berufen‘. 

Die Familie spielt bei Lellbachs auch heute eine große Rolle. Vier Kinder und zehn Enkelkinder kommen im Reihenhaus in Diedrichshagen zusammen, wann immer es geht. „Der Zusammenhalt in der Familie, das ist für mich die größte Freude“, sagt die Oma. 

Schon lange vor der Wende gab es Beziehungen zwischen katholischen Fürsorgerinnen in der DDR und dem „katholischen Fürsorgeverein“ im Westen, dem heutigen „Sozialdienst katholischer Frauen.“ Die Zusammenarbeit war in der DDR staatlich „unerwünscht“. Die Korrespondenz musste verschlüsselt werden und unter der Überschrift ‚Religiöse Besinnung‘ kamen zur Fortbildung Referenten aus der Bundesrepublik nach Ostberlin oder in andere Städte. 

Ein gemeinsames Thema war etwa die Schwangerschaftskonfliktberatung. Außerdem halfen Hilfssendungen mit Babykleidung und Kindersachen aus dem Westen schwangeren Frauen, sich für das Kind und gegen eine Abtreibung entscheiden. Die Verteilung von Kinderkleidung für schwangere Frauen war die Urzelle für die heutige SkF-Kleiderkammer in Rostock.

 Nach der Wende gründete sie mit Frauen aus der Gemeinde Thomas Morus-Gemeinde und mit Hilfe Kieler SKF-Frauen einen eigenen Verein, den „Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Rostock“. Sie verzichteten auf das SkF-Spezialgebiet Schwangerenberatung, da die Caritas schon auf diesem Feld tätig war. Stattdessen setzten die Rostocker Frauen ihre Schwerpunkte auf die Arbeit mit Alleinerziehenden, Alleinstehenden und Frauen mit und nach Krebs und Aussiedlern (Deutschunterricht).

Viele Spätaussiedler kamen als Analphabeten

Die russischen Spätaussiedler waren auch nicht gerade hoch geachtete Mitglieder der Gesellschaft. Die über 60-Jährigen hatten keinen Anspruch auf einen Deutschkurs. „Es waren Kriegskinder, die nie lesen und schreiben gelernt haben, weder russisch noch deutsch. Man muss sich vorstellen, was es für eine 75-Jährige bedeutet, wenn sie zum ersten Mal in ihrem Leben lesen und schreiben kann! 

„Wir lebten fast nur von Spenden, um unsere Raummiete bezahlen zu können“ sagt Elisabeth Lellbach. „Das war nicht immer einfach. Aber wir schafften es mit Hilfe des Bundesverbandes Dortmund und des SkF in Kiel“. 

Heute hat der SkF in Rostock 22 Mitglieder. Die finanzielle Unterstützung erfolgt durch das Erzbistum Hamburg und vom Erlös der Kleiderkammer.

Elisabeth Lellbach hat viel erlebt und viel getan. Für die Tätigkeit bekommt sie jetzt den Siemerling-Sozialpreis der Neubrandenburger Dreikönigsstiftung. Die Verleihung wird im Februar oder März sein. 

Text u. Foto: Andreas Hüser