15.11.2017

In der „Schatzkammer“ von Herz Jesu in Lübeck gibt es viel zu entdecken

Die Normalität der Märtyrer

In einer „Schatzkammer“ in Herz Jesu präsentiert die Gedenkstätte Lübecker Märtyrer jetzt persönliche Dinge aus dem Besitz von Johannes Prassek, Hermann Lange, Eduard Müller und Karl Friedrich Stellbrink.

Besucher betrachten die Exponate in der Schatzkammer von Herz Jesu in Lübeck
Auch eine Besuchergruppe aus Leer und Papenburg in Ostfriesland war gekommen, um die Schatzkammer für sich zu entdecken.  Foto: Marco Heinen

Es ist der 10. November, der 74. Jahrestag der Ermordung der 2011 selig gesprochenen Lübecker Märtyrer. Propst Christoph Giering feiert eine Andacht, segnet dann die Tür, hinter der sich die besonderen Schätze aus dem Besitz der vier Geistlichen verbergen. Um kurz nach 16 Uhr wird sie aufgeschlossen, die endlich fertig gestellte „Schatzkammer“, wie sie genannt wird. Zu sehen sind zum Beispiel das Messgewand von Johannes Prassek, der Messkelch von Eduard Müller, ein Heiligenbild der Therese von Lisieux aus dem Besitz von Hermann Lange und ein Kreuz, das bei Pastor Karl Friedrich Stellbrink am Altar stand. Mit dieser Leihgabe verbinde sich eine „gute theologische Aussage“ findet Pastorin Constanze Oldendorf von der Lutherkirche. Und es gibt noch viel mehr zu entdecken.

Der kleine Ausstellungsraum, der zur Gedenkstätte Lübecker Märtyrer gehört, befindet sich neben der Krypta im Tiefgeschoss der Propsteikirche Herz Jesu. Nur ein paar wenige Vitrinen finden darin Platz. Manche Stücke sind Leihgaben, die in wenigen Monaten zurückgegeben werden müssen. So wie zum Beispiel die „Kostenrechnung“, die Familie Stellbrink nach der Hinrichtung des Pastors zuging, und die üblicherweise im Stadtarchiv verwahrt wird. Nach der Rückgabe werden andere Dinge gezeigt werden, ist zu hören. Aus dem Besitz von Eduard Müller und Johannes Prassek gibt es einige Stücke mehr als von Hermann Lange und Pastor Stellbrink.

„Wer sterben kann, wer will den zwingen?“, ist handschriftlich auf dem Neuen Testament von Johannes Prassek notiert. Ein Gedichtband von Rilke ist dabei, eine Armbanduhr und eine Platte aus dem Hause Deutsche Grammophon. „Geduld“ von Richard Strauß. 

In einer großen Vitrine in der Mitte des Raumes liegen neben geistlicher Literatur auch eine Schulmütze, Eduard Müllers Hängematte, sein Fotoapparat (eine Leica), Dias und ein Heft mit Reisebeschreibungen. „Ich wusste gar nicht so genau, was mit Schatzkammer gemeint ist, aber jetzt kann ich das nachvollziehen“, sagt Propst­ Christoph Giering. Und: „Das bemerkenswerteste Stück ist für mich die Zellentür.“ Denn dort steht drauf, wie viel Lebensraum sich dahinter verbirgt: 28 Kubikmeter Luft und 8,7 Quadratmeter Grundfläche. 

Gierings Vorgänger im Amt, Pfarrer Franz Mecklenfeld, zeigt sich ebenfalls angetan. Der ins Halbdunkel getauchte Ausstellungsraum strahle eine „mystische Tiefe“ aus. Er zeige nicht oberflächliche Objektivität, sondern lasse die Menschen in ihrer Tiefe erkennen. Peter Thoemmes, dessen Mutter Johannes Prassek nahe stand, zeigt sich überrascht, wie viel letztlich doch in dem Raum seinen Platz findet. „Das finde ich ganz gewaltig“, sagt er.

Manch Besucher ist sehr bewegt. „Es ist für mich plötzlich ganz gegenwärtig, das, was da vor 70 Jahren geschehen ist. Diese vier Menschen sind mir dadurch ganz nahe. Das überwältigt mich richtig“, bringt es Besucherin Maria Weeber auf den Punkt. Rudi Abold, der regelmäßig als Ansprechpartner in der Gedenkstätte zur Verfügung steht und den Raum künftig für Besucher aufschließen wird, ist sichtlich stolz: „Ich freue mich, dass wir diese persönlichen Gegenstände endlich einer größeren Öffentlichkeit zeigen können, damit die vier auch als Menschen für uns in Erinnerung bleiben.“

Erzbischof Heße beim stillen Gebet in der Krypta von Herz Jesu in Lübeck
Ein Moment des stillen Gebets in der Krypta.

Inzwischen ist einige Zeit vergangen. Drüben, am Zeughaus beim Dom, da wird am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus noch ein Kranz niedergelegt. Um 18 Uhr läuten dann die Glocken. Mehrere Hundert Menschen sind zum Gedenkgottesdienst mit Erzbischof Stefan Heße gekommen. Weihbischof Horst Eberlein und Alterzbischof Werner Thissen, der die Seligsprechung betrieben hatte, nehmen ebenfalls teil und auch Pröpstin Petra Kallies und Pastorin Constanze Oldendorf. Es folgen Momente des stillen Gebets, in der Kirche und in der Krypta. Das Martyrologium wird verlesen. In seiner Predigt erinnert der Erzbischof später an den Prozess, der den vier Geistlichen im Juni 1943 gemacht wurde. „Dieser Prozess war eine Farce, ist eine Farce. Wir wissen heute, dass das Urteil schon vorher feststand, dass Hitler selbst eingegriffen und das Urteil diktiert hat“, so Heße.

Auch ihn packt die Atmos­phäre, als er später zum ersten Mal die Schatzkammer betritt. Der Raum bringe den Besucher direkt in Berührung mit den Märtyrern. Durch die Atmosphäre fühle man sich mit ihnen eins, findet Heße, der sich an der Kamera und der Hängematte besonders erfreuen kann: „Da wird die Normalität und das Menschliche der Märtyrer spürbar.“

Text u. Fotos: Marco Heinen