06.04.2017

Fasten mit allen Sinnen

Die Gedanken stoppen

Der Mensch sieht, riecht, schmeckt, hört, tastet und kennt sogar einen sechsten Sinn. Ist es sinnvoll, die Sinne in der Fastenzeit einmal etwas zu zügeln? Im letzten Teil unserer Serie „Fasten mit allen Sinnen“ geht es um das Ahnen.


lev dolgachov / fotolia
Das Grübeln fasten – keine leichte Aufgabe, aber kleine Übungen helfen dabei. Foto: lev dolgachov/fotolia

 

„Das habe ich doch geahnt!“ „Ich hab’s doch gewusst!“ Haben Sie das schon einmal gedacht? Im letzten Teil der Fastenserie geht es um den sechsten Sinn, das Ahnen – dieses Gefühl, einen kleinen Teil der Zukunft voraussehen zu können. Doch warum sollte man diesen Sinn, der ja kaum zu begreifen ist, fasten?

So wie es ein Zuviel an Genuss gibt, so gibt es auch ein Zuviel an Gedanken. Wir sorgen uns um die Familie, um Freunde, um unser eigenes Leben und die Zukunft. Den sechsten Sinn zu fasten, meint, sich nicht in unnötigen Gedanken zu verlieren. „Sorgt euch nicht um morgen, der morgige Tag wird für sich selbst sorgen“, heißt es im Matthäusevangelium. Doch wie stoppt man das Gedankenkarussell?

Das habe ich in den ersten Fastenwochen ausprobiert: Jeden Abend überlegte ich für fünf Minuten, was am Tag gut war. Außerdem habe ich mir eine geistliche Begleiterin gesucht. Lucia Zimmer ist Pastoralreferentin im Bistum Osnabrück. Sie kennt die positive Tagesrückschau – inspiriert von Ignatius von Loyola.
Auszüge aus meinem Tagebuch:

 

1. März, Aschermittwoch:

Heute hatte ich ein gutes Gespräch mit Lucia Zimmer. Ich bin gespannt, ob mein Projekt funktionieren wird, ob ich mich an das abendliche Ritual gewöhne.

Schon morgens habe ich einen Stift und ein Notizheft an meinen Nachttisch gelegt, dazu die Texte, die Luzia Zimmer mir zur Anregung gegeben hat: Gebete, Gedichte, kurze Geschichten. Ich gehe ins Büro, habe Konferenzen, erledige meine Arbeit, gehe zum Sport, koche – und frage mich bei alldem: Was schreibe ich in mein Heft? 

4. März:

Heute habe ich einen schönen und fröhlichen Gottesdienst erlebt – das hatte ich in der Fastenzeit gar nicht erwartet. Die üblichen melancholischen Lieder gab es an diesem Samstag nicht. Stattdessen hat ein Kinderchor die Klassiker gesungen, die ich selbst aus meiner Chorzeit kenne. Da wurden Erinnerungen wach.

10. März:

Ich war beim Sport, die heiße Dusche danach tat gut. Der Schokoriegel war lecker.

13. März:

Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Es ist schwerer, als ich dachte, jeden Tag etwas Positives zu finden – egal, wie klein und banal es auch sein darf. Die Sonne scheint selten, die Mittagspause ist kurz, die Arbeit wie jeden Tag und der Haushalt will erledigt werden. Da fällt mir jetzt, kurz nach Mitternacht, einfach nichts mehr ein. 

Bin ich deswegen ein Pessimist, der das Schöne nicht erkennt? „Lebe jeden Tag, als wenn es dein letzter wäre“, heißt einer der beliebten Sprüche für die Küchenwand. Was für ein Anspruch! Heute habe ich ihn nicht erfüllt.

19. März:

Wieder auf der Suche nach schönen Kleinigkeiten – und wieder nicht fündig geworden. 

„Das ist schon okay“, sagt mir Lucia Zimmer. „Diese Tagesrückschau soll nicht anstrengend sein“, sagt sie. Auch der Alltag hat seinen Wert. „Es gibt eben diese Tage, an denen man nur sagen kann: ‚Es war gut, dass das Böse nicht da war.‘“ Andererseits kann man gerade an solchen Tagen überlegen, wie zufrieden man mit dem Alltag ist. Mag ich meinen Beruf? Fühle ich mich in meiner Wohnung wohl? Hätte ich vielleicht gerne ein neues Hobby? Wie steht es um die Beziehung zu meinem Partner? Und wie um meine Beziehung zu Gott? Lässt man diese Gedanken zu und denkt sie bis zum Ende, können sie lebensverändernd sein. Dann geht es auf einmal um mehr als nur gute Gedanken zum Schlafengehen.

23. März:

Heute habe ich ein Geschenk bekommen: einen Nähkorb aus weiß geflochtenem Holz mit einem lilafarbenen Stoffdeckel von meiner Großmutter. Selbst hätte ich ihn mir vermutlich nicht gekauft, aber seit einigen Wochen nehme ich an einem Nähkurs teil und habe natürlich meiner Oma davon erzählt. Sie war selbst eine begeisterte Hobbyschneiderin. Hosenkürzen, Tischdecken und Gardinen nähen? Kein Problem für sie. Das Nähen verbindet uns jetzt noch mehr – und dafür steht auch der Nähkorb. Ich müsste sie dringend wieder besuchen. Es ist schon so lange her ...

Die Gedanken fangen an zu kreisen, das schlechte Gewissen plagt uns – so etwas kennt vermutlich jeder. Und gerade zur späten Abendstunde kann das zu einer schlafraubenden Spirale werden. Lucia Zimmer hat auch hier einen Tipp: Das „nunc dimittis“ des alten Simeon, der sterben konnte, nachdem er Jesus im Tempel gesehen hatte. „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, in Frieden scheiden“, heißt es im Lukasevangelium. Zimmer hat es für sich persönlich übersetzt: „Am Abend entlässt Gott uns aus dem Tag. Für mich ist Schluss für heute, und all die unerledigten Aufgaben – und Gedanken – vertraue ich ihm an.“

26. März:

Ein paar Tage Urlaub im schönen Rom. Heute habe ich nach dem Angelusgebet des Papstes den Petersdom besucht – beeindruckend! Dazu Sonnenschein, gutes Essen und ein Eis zwischendurch. 

In diesen Tagen fallen mir die positiven Einträge leicht. Den Stress habe ich zu Hause gelassen – so könnte es immer sein. 

Fazit:

Fast ein wenig naiv bin ich in das Projekt gestartet. Was soll schon passieren, wenn ich abends aufschreibe, dass ich einen guten Kaffee in der Mittagspause hatte? Dann war ich überrascht: Es gibt Tage, da wurde aus einem kleinen Gedanken ein mehrseitiger Eintrag in meinem Notizheft. 

Ich kann nur empfehlen: Nehmen Sie sich die Zeit, Rückschau zu halten, lassen Sie ihre Gedanken kreisen und schreiben Sie sie auf. Finden Sie aber auch den Punkt, an dem Sie sagen: „Für heute reicht es.“ Dann stoppt das Karussell.

Kerstin Ostendorf