08.11.2017

Der Apfelbaum der Familie Ehrtmann erinnert noch heute an die Lübecker Märtyrer

Die Früchte des Gestapo-Baums

Eigentlich ist es ja nur ein Apfelbaum in einem Garten in Lübeck. Doch er wird auch „Gestapo-Baum“ genannt und das lässt dann doch aufmerken. Zumal die frühreifen Äpfel sich nicht durch braune Stellen hervortun, sondern besonders saftig und wohlschmeckend sind. 

Apfelbaum im Garten der Familie Ehrmann

Der Apfelbaum der Familie Ehrtmann trägt noch immer reiche Frucht.  
Fotos: Claudia Eger

Tatsächlich ist der wahre Name der norddeutschen Apfelsorte auch viel schöner, lautet er doch „Ruhm aus Vierlanden“. Was also hat es mit dem „Gestapo-Baum“ auf sich? Ist es wirklich ein „unrühmlicher“ Baum, wie zu befürchten steht?

„Als wir die Geschichte gehört haben, haben wir auch geschluckt“, erinnert sich Claudia Eger, in deren Garten im Lübecker Stadtteil St. Jürgen der besagte Baum nach wie vor wächst und gedeiht. Familie Eger lebt seit 14 Jahren in dem Haus. Zur Zeit des Nationalsozialismus wohnte hier jedoch die Familie Ehrtmann. Adolf Ehrtmann war einer der Weggefährten der Lübecker Märtyrer und wurde wie sie 1942 von der Gestapo verhaftet. Als im Juni 1943 den vier Geistlichen sowie 18 Laien aus ihrem Umfeld der Prozess gemacht wurde, saß als einer der Laien auch Adolf Ehrtmann auf der Anklagebank und wurde zu fünf Jahren Zuchthaus (in Brandenburg) verurteilt. 

Als er noch in Lübeck inhaftiert war, musste Ehrtmann Straßenarbeiten verrichten und wurde wie die anderen Häftlinge sehr schlecht verpflegt, weiß Claudia Eger zu berichten. Und um da ein wenig Abhilfe zu schaffen, wurden die Äpfel den Gefangenen heimlich in die Gräben gerollt. Die Ernte des Baumes im Garten der Großfamilie sei ausschließlich für die Gefangenen vorgesehen gewesen, erzählt Claudia Eger. Und Familie Ehrtmann selbst habe den Baum „Gestapo-Baum“ genannt.

Adolf Ehrtmann, der als Zentrumspolitiker von 1926 bis 1933 der Lübecker Bürgerschaft angehört hatte, wurde nach seiner Befreiung aus der Haft (im Mai 1945) wieder politisch aktiv. Er war Gründungsmitglied der CDU, wurde 1946 zum Lübecker Bausenator ernannt und im selben Jahr in die Lübecker Bürgerschaft gewählt. Er starb 1979 in Lübeck. 

Für Claudia Eger hat der Baum Symbolkraft: „Im Alltag hilft uns das manchmal, Prioritäten zu setzen, zu überlegen, worauf es wirklich ankommt. Und einen Apfel zu essen mit einem Freund ist manchmal wichtiger als sich hetzen zu lassen und alle Ziele erreichen zu wollen, die man so im Leben hat.“

Text: Marco Chwalek/Marco Heinen