14.09.2016

Der kluge Bilanzfälscher

In der Bibel wird ein Bilanzfälscher gelobt. Säkulare Gewinnmaximierer werden aufrichtigen Christen als Vorbild hingestellt. Außerdem sollen die sich Freunde machen mit Hilfe von unredlich erworbenem Geld. Diese Erzählung ist „ein Kreuz für Ausleger“, wie der Bibelwissenschaftler François Bovon schreibt.

Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung. Foto: imago

Worum geht es in der Beispielerzählung vom „klugen Verwalter“, der doch eigentlich ein Betrüger ist? Um den effektiven Gebrauch materieller Güter? Um freche Schläue, die belohnt wird? Um eine Haltung angesichts des nahen Endes? Zudem fragt man sich: Wo genau endet die Erzählung, die Lukas überliefert bekommen hat? Schon mit Vers 7? Oder Vers 8 oder gar Vers 9?

Die Erzählung könnte in der Geschäftswelt aller Zeiten spielen: Der Eigentümer eines Unternehmens lässt dieses durch einen Geschäftsführer managen. Eines Tages trägt man ihm zu, dass sein leitender Angestellter ihn betrügt, zumindest Missmanagement betreibt. Darauf zitiert der Besitzer ihn zu sich, konfrontiert ihn mit dem Vorwurf und kündigt ihm – ohne Gelegenheit zur Verteidigung – die Entlassung an. „Räumen Sie Ihren Schreibtisch und holen Sie sich in der Personalabteilung Ihre Papiere!“

 

Der geschasste Manager reibt sich die Hände

Ganz so einfach und schnell geht es indes nicht. Der Verwalter ist der Einzige, der Überblick hat über die Vermögensverhältnisse der Firma. Bevor er ihn also vor die Tür setzt, muss der Chef – die Bibel bezeichnet ihn mit „Herr“ (kyrios) – sich von ihm auf Stand bringen lassen: „Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung!“ Nun dauert die Offenlegung einer Gesamtbilanz etwas länger. Das gibt dem bereits gefeuerten Verwalter einen letzten, engen Handlungsspielraum, den er zu seinen Gunsten nutzt.

Literarisch geschickt zitiert Lukas nun den inneren Monolog des in die Enge Getriebenen: Um mit Hacke und Schaufel zu arbeiten, fehlt ihm die körperliche Kraft. Zudem wäre das unter der Würde des bislang gut situierten Mittelständlers. Zum Betteln fehlt ihm die moralische Kraft, auch wenn das ehrlicher wäre.

„Ich weiß, was ich tun muss“, ruft er entzückt aus, „damit mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin.“ Der Zuhörer sieht schon, wie der geschasste Manager sich die Hände reibt.

Aber: Ist das, was nun folgt, unredlich oder nicht? Fälscht er tatsächlich Bilanzen, indem er die Schuldner seines Chefs auffordert, in die Schuldscheine „schnell“ jeweils andere Beträge zu schreiben? Oder verzichtet er nur auf seine Kommission, die er beim Verkauf der Waren draufgeschlagen hat? Immerhin waren, trotz des Zinsverbots in der Tora, solche Zuschläge gang und gäbe. Vermutlich, so Exegeten, hat er die Bilanzen seines Chefs tatsächlich gefälscht. Wird er doch weiter „Verwalter der Ungerechtigkeit“ genannt.

Im nun folgenden Satz lässt Lukas die Beispielerzählung Jesu langsam enden und blendet hinüber zur Erzählung über Jesus und seine Zuhörer. Der Satz: „Und der Herr lobte die Klugheit des unehrlichen Verwalters“ meint zunächst den Unternehmer aus dem Beispiel; dann aber steht „der Herr“ auch für Jesus.

 

In der Todesstunde brauchen wir Freunde vor Gott

Der Besitzer kann sich eine Anerkennung seines Verwalters nicht verkneifen, weil der gewitzt und zu seinem Vorteil gehandelt hat. „Als guter Verlierer beugt sich ‚der Herr‘ vor der Klasse seines Verwalters“, meint der Lukas-Spezialist François Bovon.

So wie der Besitzer die Schläue des unehrlichen Verwalters lobt, lobt Jesus die Gewieftheit der Kinder dieser Welt. Bei Matthäus rät Jesus seinen Jüngern: „Seid klug wie die Schlangen.“ Lukas rät dazu gerade im Blick auf das Ende mit dem ebenfalls anstößigen Satz in Vers 9:
„Macht euch Freunde mit Hilfe des ungerechten Mammons, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht.“ Soll heißen?

Nutzt euer (auch) unredlich erworbenes Geld und verteilt es an jene, die es nötiger haben, an die Armen. Geld, an dem oft etwas Sündiges hängt, zu teilen, ist die einzige Möglichkeit, es reinzuwaschen. Oder: Die eigentliche christliche Kapitalanlage ist die Verschwendung zugunsten anderer. In der Stunde unseres Todes brauchen wir kein Geld mehr – aber Freunde vor Gott, auf die wir zählen können.

Damit seine Leser ihn „nicht falsch verstehen“ und die Gaunereien des Verwalters für christliche Tugend halten, fügt Lukas noch die Verse 10 bis 12 an. In ihnen wird, anders als bisher, die Redlichkeit klar und eindeutig gelobt. 

Das Fazit des biblischen „Gaunerstücks“ von diesem Sonntag könnte daher so lauten: Jesus will keine dumm-naiven, sondern gewiefte und radikale Christen.

Von Roland Juchem