21.06.2017

Auch die katholische Kirche ist nicht frei von Judenhass.

Der Hass stirbt nicht aus

Die Fernsehreportage „Ausgewählt und ausgegrenzt“ zeigt: Antisemitismus ist in Europa in vielen Varianten stark. Aber auch die katholische Kirche ist nicht frei vom uralten, immer neuen Hass auf die Juden, sagt Pater Richard Nennstiel. 

Judendarstellung in der Nazipropaganda
 In der Nazi-Propaganda ist der Jude hässlich, verwahrlost, aber er hat Geld und strebt
nach der (kapitalistischen oder kommunistischen) Weltherrschaft.  Foto: picture alliance

Wir hatten gedacht, Antisemitismus sei ausgestorben, zumindest bei uns. Müssen wir diesen Befund korrigieren? 

Antisemitismus ist auf keinen Fall ausgestorben – im Gegenteil. Er feiert fröhliche Urstände. Nehmen Sie nur mal Begriffe wie „völkisch“ oder „Umvolkung“, die wieder in der Politik auftauchen. Das ist kein normaler deutscher Wortschatz, sondern die Sprache der Nazis. Und wenn der Palästinenserpräsident Abbas vor der UNO von Rabbinern spricht, die zur Brunnenvergiftung aufrufen, dann wärmt er uralte Hasslegenden auf, die es schon im Mittelalter gab. 

Aber sind das nicht radikale Randbereiche? Wie steht es mit der katholischen Kirche? 

Es gibt diesen Antisemitismus auch in der katholischen Kirche. Er war auch dort nie weg. Es war nur eine Zeitlang nicht opportun, sich offen antisemitistisch zu äußern, zumindest in Deutschland. 

Hat nicht das Zweite Vatikanische Konzil eine Wende im Verhältnis zu den Juden bewirkt? 

Ja, aber wie tief ist diese Wende im Kirchenvolk durchgedrungen? Eine wirkliche Wende gab es mit Papst Johannes Paul II. Er hat als erster Papst eine Synagoge besucht. Die Versöhnung mit unseren „älteren Geschwistern“ war ihm ein persönliches Anliegen. Umso schlimmer ist, wenn katholischer Antisemitismus in Polen auftritt, unter Leuten, die sich auf diesen Papst berufen. 

Der Antisemitismus-Vorwurf trifft heute auch christliche Organisationen, die sich für die Palästinenser einsetzen. Zu recht? 

Natürlich kann man die Palästina-Politik des Staates Israel kritisch sehen. Ebenso die Verbindung von Politik und Religion. Aber dieses Problem hat nicht nur Israel. Es ist ein strukturelles Problem jeder Religion. Wir finden es nicht nur in Israel. Die Vermischung von Politik und Religion ist eine strukturelle Versuchung für jede Religion, für den Hinduismus in Indien, den Buddhismus in Myanmar, die orthodoxe Kirche in Russland und die katholische in Polen. 

Aber müssen wir deshalb schweigen, wenn die Menschen in Palästina ungerecht behandelt werden? 

Nein. Aber auffallend ist der moralische Rigorismus, mit dem speziell über Israel geurteilt wird. Man spricht von einer moralisch erhabenen Position, die das Recht hat, Israel einseitig zu verurteilen. Einseitig – denn leben Sie mal in einem Land, das von Raketen beschossen wird und von dem alle Nachbarn sagen: Dieser Staat muss weg! 

Und warum sind wir eigentlich immer so fixiert auf Palästina? Warum gibt es ähnliche Kritik nicht gegenüber dem Jemen, dem Iran, Saudi-Arabien?

Liegt der Grund dafür im alten Antisemitismus? 

Das ist nicht rational zu erklären, aber es klappt immer: Der Hass auf Israel verbindet Mächte, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Die ansonsten verfeindeten Staaten des Nahen Ostens, die extreme Rechte und die extreme Linke. Wo immer ein Schuldiger gesucht wird, ist man schnell bei den Mustern des Antisemitismus. Dass es das oft beschworene „Weltjudentum“ gar nicht gibt, interessiert niemanden. Die Legende wirkt ja eben deshalb, weil sie irrational ist.

Die Juden als Hintermänner einer US-imperialistischen Weltherrschaft. Wie kommt es überhaupt zu solchen Verschwörungstheorien? Warum der Hass auf die Juden? 

Pater Richard Nennstiel
Dominikanerpater Richard Nennstiel (53)
ist Beauftragter des Erzbistums für den
Interreligiösen Dialog und Leiter des
„Dominikanischen Instituts für christlich-
islamische Geschichte“ in Hamburg. 

In einer globalisierten Welt, wo alles unübersichtlich ist, suchen viele Menschen nach einfachen Erklärungen, nach einem Schuldigen. Und dann greift man zu den bewährten Feindbildern. Schon vor Chris-tus gab es im römischen Reich Judenhass. Vielleicht, weil die Juden sich als auserwähltes Volk sahen und bei ihrem Glauben blieben. Die meisten haben sich nicht bekehren lassen, weder vom Christentum noch vom Islam 700 Jahre später. 

In Deutschland tritt die Israel-Feindschaft am deutlichsten in einigen islamischen Gemeinschaften zu Tage. Der Al-Quds-Tag zur Befreiung Jerusalems von den „zionistischen Besetzern“ wird auch in Deutschland begangen. Ist das ein Problem für den Interreligiösen Dialog? 

Zumindest ist es ein Problem, wenn die Gesprächspartner zwar sagen „Wir sind keine Antisemiten“, aber sich später antisemitisch äußern; wenn der Hamburger Landesrabbiner zwar in Moscheen freundlich empfangen wird, von den gleichen Leuten, die auf dem Al-Quds-Tag die Existenz des Staates Israel in Frage stellen. 

Was ist Ihre Position dabei als Vertreter der katholischen Kirche? 

Wir haben seit einiger Zeit eine „rote Linie“. Das heißt: Keine offiziellen Kontakte zu Gemeinschaften, die das Existenzrecht Israels bestreiten. 

Was heißt das in der Praxis? 

Ich gehe nicht mehr überall hin, wo ich eingeladen werde. 

Interview: Andreas Hüser