09.03.2016

Große Ordensleute, die auf dem Glaubensweg helfen: Edith Stein

An der Hand des Herrn leben

Sie sind große Christen, Lehrer der Kirche, oft mit einem riesigen Lebenswerk. Aber häufig ist es nur ein Grundgedanke, der künftigen Generationen eine Hilfe für den Glauben wird. Felix Evers stellt solche Impulsgeber vor; heute: Edith Stein. 

Wer mit Christus im Herzen lebt, ist nie ganz „solo“.   Foto: Kokopelli/pixelio

„Es ist im Grunde immer eine kleine, einfache Wahrheit, die ich zu sagen habe: Wie man es anfangen kann, an der Hand des Herrn zu leben.“ So schrieb Edith Stein in einem Brief 1931. 

In dieser Fastenzeit im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit stelle ich sechs Ordensleute vor, die mir auf meinem Glaubensweg sehr geholfen haben. Als Nesthäkchen einer großen jüdischen Familie in Breslau hatte Edith Stein eine behütete Kindheit. Nach ihrem Psychologiestudium wechselte sie an die Universität Göttingen – in einem steten Hunger nach der Wahrheit. Die begeisterte Philosophiestudentin stieß bald an ihre Grenzen. Trotz ihrer hohen Begabung und ihres glänzenden Doktorexamens blieb ihr als Frau die berufliche Anerkennung verwehrt. Als Edith Stein sich im Sommer 1921 nach der Lektüre der Autobiographie der heiligen Teresa von Ávila entschloss, um die Taufe in der katholischen Kirche zu bitten, wurde ihr Leben dadurch nicht leichter. Erst die judenfeindliche Gesetzgebung des Dritten Reichs, die ihr jede berufliche Tätigkeit verwehrte, öffnete ihr die Tür zum Kölner Karmel. Aber wie litt Edith unter dem Schicksal ihres jüdischen Volkes, das auch bald das ihre werden sollte.

Edith Stein wird leider allzu oft ausschließlich als intellektuell beschrieben. In ihren Briefen hingegen begegnet uns die Mystagogin – die Frau, die uns lehrt, wie man es anfangen kann, an der Hand des Herrn zu leben und im Herzen nicht mehr „solo“, sondern „wie zu zweit“ mit Gott zu sein. Denn der wohl häufigste Grund, den Glauben an Gott zu verlieren, ist die Frage nach Gott und dem Leid: „Warum, Gott, müssen wir leiden, wenn du uns doch so sehr liebst?“ 

Als ich vor einem Jahr auf dem Friedhof Eichhof in Kronshagen am Grab meiner lieben Nichte stand, die mit 13 Jahren durch das Schnüffeln von Haarspray verstarb, weinte ich mit meiner Familie und fragte: „Warum, Gott?“ 

Darauf gibt Edith Stein die einzig richtige Antwort: Sie stellt Gott nicht wegen ihres Leids und Schicksals infrage, sondern stellt Gott die Leidfrage – und Gott beantwortet sie mit seinem Mitleiden in Christus. Edith Stein vertraut auf einen „sympathischen“, also „mitleidenden“ Gott; und dieser Gott kommt selbst in Jesus von Nazareth, um uns zu trösten. 

In der Tradition Paul Gerhardts kann deshalb auch ein Dietrich Bonhoeffer dichten: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag; Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ 

Am 28. April 1931 schreibt Edith an Schwester Adelgundis Jägerschmid: „Gott weiß, was er mit mir vorhat. Ich brauche mich darum nicht zu sorgen.“ Eine heilige Gelassenheit spricht aus diesen Worten, eine Gelassenheit, die offen bleibt für das Wirken des Herrn, an dessen Hand wir unterwegs sind. 

Das lerne ich bis heute von Edith Stein. Ich lerne diese kleine und einfache Wahrheit immer wieder neu: in Freud und Leid die Hand Jesu zu ergreifen, der unsichtbar als Auferstandener meine Lebenswege treu begleitet.

Text: Felix Evers,
Pfarrer in Neubrandenburg