11.05.2016

Nicht zu Hause bleiben. Das ist eine wichtige Nebenwirkung von Pfingsten

Der Geist sagt: Geht nach draußen!

50 Tage nach Ostern befanden sich die Jünger Jesu in ein und demselben Haus. Nicht lange später findet man sie draußen, verteilt in die ganze Welt. Das hat seinen Grund. 

Von Spanien bis Indien: Hierhin zogen die zwölf Apostel nach Pfingsten.  Grafik: Andreas Schramm

Zu den beliebten Irrtümern der Bibelrezeption gehört die Meinung, die Jünger Jesu hätten das Pfingstfest angsterfüllt bei verschlossenen Türen erlebt. Davon steht in der Apostelgeschichte nichts. Der abgeschlossene Raum und die „Angst vor den Juden“ gehört zu einer anderen Geschichte, die Erscheinung des Auferstandenen nach dem Johannesevangelium 20,19. 

Zu Pfingsten ist nur von einem Haus die Rede. Die Jünger waren dort alle beisammen (Apostelgeschichte 2,1). Sie feierten das Fest Schawuot, das 50 Tage nach dem Pessach-Fest begangen wird. Schawuot (in diesem Jahr am 12. Juni) ist ein fröhliches Frühlings- und Erntedankfest – im Heiligen Land sind Mitte Mai bis Anfang Juni die ersten Früchte reif. Feierlich wird aus der Heiligen Schrift gesungen. Man bleibt bei Gesang und Tanz die ganze Nacht wach, es gibt Käsekuchen, Quark, Honig und Wein. 

Der Verdacht, die geisterfüllten Jünger seien „voll süßen Weines“, lag also nicht allzu fern. 

Die Festspeisen und Festgetränke erinnern an das verheißene Land, in dem Milch und Honig fließen und daran, dass das Wort Gottes für die Gläubigen so etwas Ähnliches ist, wie die Muttermilch für die Säuglinge. 

Ob die Jünger Jesu das erste Schawuot nach der Auferstehung des Herrn in unbeschwerter Festlaune genossen haben? Wahrscheinlich nicht. Zu viel war passiert. Trauer, Überraschung, Freude, Rästelraten und die Hoffnung auf die baldige Wiederkehr des Herrn – diese Mischung reichte, den Anhängern Jesu schlaflose Nächte zu bereiten, auch ohne Schawuotfest. 

Was dann geschah, hat in der späteren Theologie viele Namen: Ausgießung des Heiligen Geistes, Vollendung des Pascha Christi, Verheißung und vorläufiger Anbruch des Reiches Gottes für alle, die an Christus glauben, die Geburt der Kirche. Auffallend ist, welches Merkmal die neu entstandene Kirche auszeichnet. Wenn man dem Pfingstbericht folgt, handelt es sich nicht um eine Art Vereinsgründung. Im Gegenteil: Hier entsteht keine geschlossene Institution, keine „societas perfecta“ (vollendete Gesellschaft), kein „Haus voll Glorie“.

Das Neue an der von Pfingsten bewegten Gemeinschaft Jesu ist, dass sie keine Grenzen kennt. Das wird am Sprachwunder deutlich. Die Aufzählung aller bekannten Heidenvölker will sagen, wozu die Kirche da ist. Ihre Glieder sollen hinausgehen. Wenn sie Christus verkünden wollen, sollen sie dorthin gehen, wo man ihre  Sprache eigentlich gar nicht spricht: zu Leuten, die alles andere sind als vielversprechende Missionserfolge. 

Einträchtige Gemeinschaft – die Apostelgeschichte betont sie immer wieder – ist ihr Zeichen, aber ebenso wichtig ist es, den sicheren Hort dieser Gemeinschaft zu verlassen.

Was wurde aus denen, die Pfingsten am eigenen Leibe erlebt haben? Jahrzehnte später wird man keinen der zwölf Apostel mehr in der Heimat antreffen. Simon der Zelot ging nach Persien, Judas Thaddäus verkündigte das Evangelium in Armenien, Matthäus ging nach Äthiopien und Persien, auch den Judas-Ersatzmann Matthias findet man in Äthiopien wieder. Bartholomäus reiste nach Armenien und Mesopotamien. Johannes reiste an die Küste Kleinasiens, während Andreas im Binnenland bis Anatolien und weiter bis Georgien tätig war. Philippus Spuren führen in den Norden, jenseits des Schwarzen Meeres bis in die Ukraine. Jakobus der Ältere soll in Spanien missioniert haben. Petrus‘ Spuren führen nach Rom, wo er als Märtyrer starb. Am weitesten reiste der Apostel Thomas, nämlich bis an die Südwestküste Indiens, die „Thomas-
christen“ haben die Erinnerung an diese Mission bis heute wach gehalten. 

Jakobus der Jüngere erlebte keine Missionstätigkeit. Der Überlieferung zu Folge wurde er von einer Zinne des Tempels gestürzt, nachdem er sich geweigert hatte, den Glauben an Jesus Christus zu widerrufen.

Text: Andreas Hüser