18.01.2017

Wie der Katholik Matthias Thye und sein Kollege Tobias de Haan einem Säugling das Leben retteten

Dein Freund und Helfer

Es ist eine dieser Geschichten, die einen nicht kalt lassen und die gerade in sonst wenig erbaulichen Zeiten zuversichtlich stimmen. Es ist die Geschichte eines Polizisten, der einem Säugling das Leben rettete.

Lebensretter Matthias Thye.
Foto: Heiner Wolfram

 

Es ist Dienstagabend (10. Januar) um 18.20 Uhr. Polizeihauptkommissar Matthias Thye (49) bereitet sich gerade auf den Feierabend vor. Er sitzt im Streifenwagen, um ihn in die Garage zu fahren. Da klopft jemand ganz aufgeregt an die Beifahrertür. Der Polizeibeamte kennt den Mann, der da klopft. Es ist ein Iraker, der mit seiner Familie aus der Heimat geflohen war und nun seit einiger Zeit im gleichen Haus wohnt, in dem sich auch die Polizeistation von Steinbergkirche befindet, einem kleinen Örtchen an der Bundesstraße zwischen Flensburg und Kappeln.

Der Hilfesuchende fuchtelt mit seinem Mobiltelefon herum, doch weil er praktisch kein Deutsch spricht, wird nicht klar, was er von Matthias Thye will. „Es war offenbar das gleiche Problem wie mit der Rettungsleitstelle – da hatte er nämlich angerufen“, erzählt Thye. Doch das erfährt er erst einen Augenblick später. Er nimmt das Telefon, das ihm der Iraker reicht und sagt: „Was kann ich für sie tun?!“ „Wieso“, fragt jemand am anderen Ende, „sie haben doch mich angerufen.“ „Hier ist die Polizei“, antwortet Matthias Thye. „Und hier ist die Rettungsleitstelle“, bekommt er zu hören.

Das Kind atmet nicht, zeigt keine Vitalzeichen

Dem Polizeibeamten dämmert, dass sein Hausnachbar wohl 112 gewählt hat. Der Iraker gestikuliert wild, deutet mit den Händen einen dicken Bauch an und Matthias Thye ahnt nun, dass es wohl Probleme mit dem erst wenige Tage alten Baby der Familie gibt. Schnell eilt Thye mit dem Nachbarn hoch in die Wohnung, wo die Mutter ganz aufgeregt hin- und herläuft, das eingewickelte Kind im Arm. Es hat vermutlich beim Baden Wasser geschluckt oder in die Nase bekommen. Endlich fasst die aufgewühlte Mutter Vertrauen und legt ihr Neugeborenes auf ein Bett, so dass der Polizeibeamte es untersuchen kann. „Atmet das Kind? Gibt es Vitalzeichen?“, fragt Tobias de Haan (23), der Kollege von der Rettungsleitstelle, der immer noch am Telefon ist. Fehlanzeige. „Ich kann hier nichts feststellen“, gibt Thye durch.

Jetzt ist höchste Eile und präzises Handeln geboten. De Haan  sagt, was zu tun ist: den Kopf des Kindes vorsichtig etwas überstrecken und dann über Mund und Nase beatmen! Noch keine Reaktion. Thye versucht es weiter. Endlich, das Kind fängt an, die Hände zu bewegen und wieder selbständig Luft zu holen. Geschafft!

Kurz darauf stehen auch schon Rettungssanitäter in der Wohnung, die Tobias de Haan von der Rettungsleitstelle parallel alamiert hatte. Ein kurzes klärendes Gespräch, dann trägt einer der Sanitäter das Kind runter zum Krankenwagen, wo auch schon der Notarzt wartet. Bald darauf geht es ab ins Flensburger Diakonissenkrankenhaus.

„Das erste Gefühl war eine wirklich große Erleichterung“, berichtet Matthias Thye, der selbst zweifacher Vater ist. Eine Erleichterung, die sich am Abend noch verstärkt, als nach einem Telefonat mit dem behandelnden Arzt klar wird, dass das Kind wohlauf ist und keine Schäden feststellbar sind.

Der Kollege am Telefon strahlt große Ruhe aus

Obwohl Erste-Hilfe-Maßnahmen zur regelmäßigen Ausbildung der Polizeibeamten gehören, war es doch etwas Besonderes, plötzlich einen Säugling vor sich zu haben. Um so wichtiger war für Thye die telefonische Hilfe: „Ich habe immer den Kollegen von der Rettungsleitstelle an meiner Seite gehabt. Das war klasse, denn so hatte ich das Gefühl, nicht alleine zu sein. Er hat einfach eine wahnsinnige Ruhe ausgetrahlt“, lobt Thye seinen Mitretter. Und: „Ich wusste ja schon vorher, dass die Jungs gut sind, aber jetzt fühle ich mich da noch besser aufgehoben.“ Er selbst habe nicht lange nachgedacht, sondern in dem Moment „einfach funktioniert.“ Die Empfehlung des Polizeihauptkommissars: Bei einem Notfall zu Hause die 112 wählen und sich von den Mitarbeitern beraten lassen, bis der Krankenwagen eintrifft. 

Matthias Thye war einst Messdiener und wuchs in einer im Erzbistum nicht ganz unbekannten katholischen Flensburger Familie auf (seine Mutter ist die langjährige kfd-Vorsitzende Hiltrud Thye). Er stand als junger Mann zunächst sechs Jahre im Dienste der Bundeswehr, bevor er 1994 zur Polizei wechselte. Thye ist mit einer Protestantin verheiratet und ist Leiter der Polizeistation in Steinbergkirche und wohnt mit seiner Familie in einem Nachbarort. 

Die Polizeistation in Steinbergkirche, dem Ort des Geschehens.
Foto: Matthias Thye

 

Als ausgebildeter Deeskalationstrainer ist er häufig in Schulen zu Gast, um mit den Kindern Teambildung und Kooperation spielerisch zu erlernen. Ansons-ten hat Matthias Thye sogar eine Trainer C-Lizenz des DFB, trainiert eine Jugendmannschaft, hat in Sterup eine Straßenolympiade mit ins Leben gerufen und sie auch jahrelang mit organisiert. Aus dem Elternhaus hat er vor allem eines mitgenommen, was ihm auch in diesem Fall den Rücken gestärkt hat: „Ich habe eine große Zuversicht, wenn ich an solche Situationen herangehe.“

Text: Marco Heinen