12.11.2014

In Schwerin und Ratzeburg feierten Länder und Kirchen den 25. Jahrestag des Mauerfalls

Das Wunder

25 Jahre nach dem Fall der Mauer haben am 9. November Kirchen und staatliche Organe im Norden gefeiert. In Schwerin luden die Kirchen zu einem ökumenischen Gottesdienst ein. Es folgte ein Festakt der Nachbarländer Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein im Staatstheater. 

Der erste Redner war Günter Schabowski. Politbüro-Mitglied Schabowski kratzt sich am Kopf, stiert auf den Zettel, auf dem der ZK-Beschluss über die Ausreisemöglichkeit in den Westen vermerkt ist. Er sagt: „Also Genossen, nach meiner Kenntnis ist das sofort – unverzüglich.“ Auf einer Leinwand konnten die Festgäste noch einmal die denkwürdige Pressekonferenz vom 9. November 1989 ansehen, die wenige Stunden später das ganze Land in einen Freudentaumel versetzte. 25 Jahre später wurde das in vielen Städten im Norden gefeiert, so auch im Mecklenburgischen Staatstheater. 

Revolution vor dem Staatstheater

Auch dieses bürgerlich-aristokratische Gebäude hat seine Wende-Geschichte. Noch wenige Tage vor dem 9. November 1989 trafen dort zwei demonstrierende Gruppen aufeinander. Die SED-Treuen und die Bürgerrechtler mit ihren Kerzen. „Ein Funke hätte gereicht, und es wäre zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung gekommen“, erinnert sich Ansgar Thim, seinerzeit Kaplan in Schwerin. 

Zum offiziellen Festakt zum Jahrestag der Grenzöffnung hatten die Länder Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein eingeladen. Vorher gab es einen Gottesdienst im Dom, gestaltet von der Nordkirche und dem Erzbistum Hamburg. Drei von diesen vier Gastgebern hat es im Jahr 1989 gar nicht gegeben. Das Land Mecklenburg-Vorpommern wurde 1990 aus den DDR-Bezirken Schwerin, Rostock und Neubrandenburg (wieder) gebildet. Und die kirchlichen Größen Erzbistum Hamburg und Nordkirche sind ebenfalls Früchte der Wende. 

Im Dom erinnerten Landesbischof Gerhard Ulrich und Domkapitular Ansgar Thim in einer Doppelpredigt an die Rolle der Christen in der friedlichen Revolution von 1989.

Dass in Kirchenräumen damals der Funke zum Aufstand entbrannte, ist nach Ansicht von Ansgar Thim kein Missbrauch von Religion. „Gerade das gemeinsame Gebet in den Kirchen stärkte den Glauben und die Hoffnung auf Freiheit“, sagte er. Freiheit sei aber ein Geschenk, das „in Verantwortung vor Gott und den Menschen täglich neu erworben werden muss.“ 

Gottes Wort befreit vom „Duckmäusertum“

Bischof Ulrich sprach vom Mauerfall als einem „wunderbaren deutschen Beitrag zur Weltfreiheitsgeschichte“. Da habe „eine Diktatur friedlich die Macht abgegeben, auch weil das subversive Quellwasser des Wortes Gottes, wie es in der Bibel bezeugt ist, nicht einzumauern war und weil keine Mauer die Sehnsucht nach Recht und Freiheit und Schalom, Frieden, halten kann.“ Das Wort Gottes befreie „von Duckmäusertum und Angst“ und befähige zu einer Haltung, „die den Aufstand wagt gegen allen Kleingeist, gegen Mitläufertum.“

Eine Kerzenprozession führte die Gäste des Kieler Landtags von der Jugendherberge Ratzeburg zum Dom. 
Foto: Ralf Adloff

Nach dem Gottesdienst im Dom  und dem Festakt im Schweriner Staatstheater hatte es die Prominenz eilig. Ein Teil der Ehrengäste wurde schon im grenznahen Ratzeburg erwartet, wo der Schleswig-Holsteiner Landtag zu einer Festveranstaltung eingeladen hatte. Im Anschluss an diese Erinnerungsstunde machten sich viele Teilnehmer mit Kerzen auf den Weg zum Dom, wo ein weiterer Gedenkgottesdienst gefeiert wurde. Auch in vielen anderen Städten hüben und drüben erinnerten politische und kirchliche Gemeinden an das Wunder des Mauerfalls am 9. November 1989. 

Text: Ralf Adloff, Andreas Hüser