23.08.2017

Oratorium für Schülerin, die 1954 einem Sexualmord zum Opfer fiel

Das Schicksal einer Heiligen

Ihre Familie kam aus den Karpaten und wurde nach Vorpommern vertrieben. 1954 erlitt die Schülerin Brigitte Irrgang ein Schicksal wie die heilige Maria Goretti. Sie fiel einem Sexualmord zum Opfer. Ein Oratorium erinnert an sie. 

Auftritt des Permonik-Chors in St. Marien Loitz
Auftritt des Permonik-Chors in St. Marien.    Foto: Winfried Wagner

„Dieses Oratorium ‚Brigitte‘ ist für Loitz ein großes Geschenk, ist sich Johannes Winter ganz sicher. Der langjährige Bürgermeister der Kleinstadt sitzt mit rund 300 Besuchern in der evangelischen St. Marienkirche von Loitz und hört und sieht etwas Einmaliges für die Region an der Grenze der Erzbistümer Berlin und Hamburg: die Uraufführung der Komposition von Nikolaus Schapfl mit dem renommierten tschechischen Permonik-Chor. Damit wird 63 Jahre nach dem gewaltsamen Tod des Mädchens Brigitte Irrgang an ihr Leben und ihren Weg zum Glauben erinnert. „Die Erinnerung an das Verbrechen von 1954 ist heute noch in Loitz präsent“, sagt Winter, der auch Vorsitzender des Brigitte-Irrgang-Freundeskreises ist.

Schülerin Brigitte Irrgang
Die Schülerin Brigitte Irrgang  
Foto: Brigitte-Irrgang-Freundeskreis e.V.

Doch wie kam es zum Tod des Mädchens? Hier kann Peter Irrgang am besten Auskunft geben. Der katholische Geistliche aus Bonn ist einer von fünf Brüdern, die Brigitte hatte, gehört ebenfalls zum Freundeskreis und hat das Libretto für das Oratorium geschrieben. Das Stück beschreibt damit auch den schwierigen Weg der Familie, die als Karpatendeutsche in der Slowakei lebten und 1944 aus dem früheren Krickerhau (Handlova) vertrieben wurden. Heute leben viele ihrer Nachkommen in Waren an der Müritz und im Raum Criewen/Schwedt.

Die katholische Familie Irrgang kam nach Loitz. Brigitte wurde dort 1949 eingeschult. Ihr Vater wurde Schuldirektor. „Sie war ein Sonnenschein“, erinnerten sich ihre Lehrerinnen später. Viele Bewohner hätten das freundliche und aufgeschlossene Mädchen gekannt und geschätzt. In der Vorbereitung auf ihre Firmung wählte Brigitte die heilige Maria Goretti zur Patronin. Wenige Wochen später, im September 1954, wird das Mädchen im Alter von elfeinhalb Jahren auf dem Nachhauseweg von einem älteren Mann überfallen. „Sie widersetzte sich dem Sexualstraftäter und wurde dabei getötet“, berichtet Winter. Sein Ziel habe der Mann nicht erreicht. Am Schicksal des Mädchens, ähnlich wie bei ihrer Patronin, nahm die Stadt Anteil. Obwohl das Geschehen in der DDR totgeschwiegen wurde, blieb es im Stadtgedächtnis. Die Loitzer pflegen das Grab des Mädchens seit Jahrzehnten. Die Familie indes flüchtete 1959 wegen staatlicher Repressalien in den Westen.

„Ich habe den Bruder Peter dann 1990 kennengelernt und wir sind Freunde“, sagt Winter. 1999 wurde Brigitte von Papst Johannes Paul II. zur „Glaubenszeugin“ und „Märtyrerin der Reinheit“ erklärt. Nach 1990 entstand ein Denkmal vor einer Grundschule. Das Oratorium, ein Werk für Chor, Solisten und Klavier, vollzieht das kurze Leben Brigittes nach und endet trotz des frühen Todes mit „der Freude, die bei den Heiligen im Himmel herrscht“. Es soll noch in Bayern und Nordrhein-Westfalen sowie eventuell in Tschechien und der Slowakei aufgeführt werden.

Text u. Foto: Winfried Wagner