09.11.2016

Über die Hamburger Hilfseinrichtung Alimaus hat Johannes Franziskus Wiedeking wieder zu sich selbst gefunden

Das neue Leben nach dem Knall

Seine erste Reise nach Rom ist Ewigkeiten her. Johannes Franziskus Wiedeking war Student, und mit seinem ersten Auto, einem Fiat 126 Bambino, fuhr er über die Alpen in die Ewige Stadt. Jetzt ist der Hamburger wieder in Rom: als einer von 70 Obdachlosen, die zum Papst pilgern.

„Wieso ich, das hat doch bestimmt jemand anders verdient!“: Johannes Frannziskus Wiedeking (r.) ist einer der 70 Obdachlosen aus Hamburg, die an der Pilgerfahrt nach Rom teilnehmen. Begleitet wird er dabei auch von dem Pastoralreferenten Herbert Wolf vom diakonischen Büro Metanoite der Alimaus.   Foto: Sendker

Jedem, der es hören wollte, hat Johannes Wiedeking (55) von Rom erzählt. Als er erfuhr, dass er bei der Reise dabei sei soll, konnte er es erst nicht glauben: „Wieso ich, das hat doch bestimmt jemand anders verdient!“ Johannes Wiedeking war schon in Lourdes, in Kevelar, in Taizé. Aber Rom! Besonders freut er sich auf den Papst, mit dem ihn nicht nur der Namen verbindet: „Franzsikus ist ein toller Mensch, er ist der Kardinal der Slums.“ 

Johannes Wiedeking ist ein Slumkind. Geboren wurde er vor 55 in einem indischen Armenviertel, in Andheri, einem Stadtbezirk in Bombay, dem heutigen Mumbai. Das erste schriftliche Zeugnis seiner Existenz ist die Karteikarte, die seine Einlieferung in das Waisenhaus St. Catherine’s Home für September 1961 registriert. Wo kam er her? Wer war seine Familie? „Diese Fragen haben mich immer beschäftigt“, erzählt er. 1979 hat er sich auf den Weg gemacht und nach Spuren gesucht, aber mehr hat er nicht gefunden.

Mit drei Jahren nahm sein Leben eine erste Wende: Johannes Wiedeking wurde adoptiert und kam nach Niederstadtfeld in die Eifel. Als er 12 war, zog die Familie nach Kempen an den Niederrhein. Seine Mutter Carla adoptierte 17 Waisenkinder und gründete später die Adoptions-Vermittlungsstelle „pro infante“ für Kinder in Not. Zu ihr hatte er ein enges Verhältnis. Als sie 2004 starb, war das ein schmerzhafter Einschnitt. 

Johannes Wiedeking hat ein katholisches Gymnasium besucht, er absolvierte seinen Wehrdienst, studierte Chemie, dann Chemie-Ingenieurwesen, er machte sein Diplom. Er jobbte, hatte eine Freundin, zog nach Frankfurt, dann nach Ballersbach, einen kleinen Ort in Mittelhessen. Dort arbeitete er in der Produktion eines Familienunternehmens, das Autopflegemittel herstellte. Der Ingenieur liebte seinen Beruf, doch dann fraß ihn die Arbeit immer mehr auf. „Ich hatte kein Privatleben mehr.“ Er bewarb sich schließlich neu, trat im November 2008 eine Anstellung in Kiel an. Doch als er sich dort beim Chef nach Weihnachtsgeld erkundigte, bekam er die Kündigung. 

„Das war der große Knall“, sagt Johannes Wiedeking. „Was dann passiert ist, habe ich zum Teil ausgeblendet.“ Tatsächlich setzte er sich nach seinem letzten Arbeitstag im März 2009 in den Zug nach Hamburg. Dort ging er zuerst in den St. Marien-Dom und sprach mit Gott. Dann stand er auf der Straße. Zuvor hatte er alle seine Dokumente, den Führerschein, seine Diplome in einen Umschlag gesteckt und einer Freundin geschickt. Fortan galt er für seine Freunde als verschollen. 

Heute weiß er, dass er damals eine Art Burnout hatte. Er leidet an einer Persönlichkeitsstörung und hat Depressionen, haben ihm die Ärzte bescheinigt. Nach verschiedenen stationären Behandlungen geht er noch immer in die Therapie, er muss Medikamente nehmen. „Diese Psychosache wird mich das Leben lang begleiten.“ 

Aber er fühlt sich langsam in seinem Leben wieder angekommen. Gerettet hat ihn, dass er eines Tages bei der Alimaus landete, einer Einrichtung des katholischen Hilfsvereins St. Ansgar für Obdachlose. Er erinnert sich genau an diesen Tag: „Schwester Henrike war da. Sie guckte mich von oben bis unten an und sagte: Bis 10 Uhr warten, frühstücken, dann unterhalten wir uns.“ 

Johannes Wiedeking begann, Schwester Henrike in der Küche zu helfen, er schnibbelte Gemüse. Jeden Abend nahm ihm die Franziskanerin das Versprechen ab, dass er am nächsten Morgen wiederkommt. Und versprochen ist versprochen. „Das hat mich aufgefangen“, weiß er im Rückblick. 

Über eine ehrenamtliche Sozial-arbeiterin der Alimaus gelang es ihm Schritt für Schritt, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Im Herbst 2009, vor dem ersten Frost, bezog er eine 21 Quadratmeter große Wohnung in der Neustadt. „Klein, fein, mein“, sagt er, und seine Augen lachen fröhlich hinter der dunklen Brille. Er trägt ein St. Pauli-Shirt unter der Schürze und um den Hals ein Kette mit Anhängern. Einer zeigt die Mutter Gottes, ein anderer Mutter Teresa; Kreuz, Herz und Anker steht für Glaube, Liebe und Hoffnung. Noch ein Kreuz trägt er als Laienmissionar im Orden der Missionarinnen der Nächstenliebe. 

Der Glaube habe ihn immer begleitet, sagt Johannes Wiedekind. Selbst in den einsamen Nächten auf der Straße, als er an Gott zweifelte und sich von ihm fallengelassen fühlte, habe er doch gespürt: Da ist jemand, der dich hält. Und immer gerade dann, wenn er mit dem Leben abgeschlossen hatte und sich auf die Bahngleise stürzen wollte, kam ein Mensch, der seine Hilfe verlangte: „Dann stand da zum Beispiel eine kleines Mütterchen mit einem riesigen Koffer und fragte, ob ich mit anpacken könnte. Da war wohl mein Schutzengel.“ 

Auf der Straße hat er die Menschen neu kennengelernt. Viele haben ihm geholfen, sagt er. Aber es gab auch welche, die den Mann mit der dunklen Haut nicht gut behandelten. Er wurde beschimpft, geschubst, getreten. „Das war nicht schön, aber das habe ich weggesteckt.“ Seine Familie ist heute die Alimaus. „Hier fallen auch mal harte Worte, aber nie verletztend, immer mit Respekt.“

Seit Juli dieses Jahres hat er eine Festanstellung, 38.5 Stunden. Er ist der Mann für alles, koordiniert die Lieferungen, holt die Lebensmittel ab. Nur Schwester Henrike Feltel steht dort heute nicht mehr in der Küche, sie lebt inzwischen im Mutterhaus der Thuiner Franziskanerinnen. Johannes Wiedeking hat aber immer noch einen engen Kontakt zu ihr, zwei bis dreimal in der Woche telefoniert er mit ihr. Sie war natürlich auch die Erste, die er angerufen hat, als er von der Romreise erfuhr.

Text u. Foto: Monika Sendker