01.11.2016

Entscheidung zur Hedwigs-Kathedrale in Berlin

Das Erbe angenommen

Drei Jahre wurde um die Umgestaltung oder Renovierung der Hedwig-Kathedrale in Berlin gerungen: Nun hat Erzbischof Heiner Koch sich entschieden.

Das Modell des ersten Preises des Wettbewerbs um die Umgestaltung der Sankt-Hedwigs-Kathedrale in Berlin. Foto: kna-bild

Die Entscheidung war überfällig - und sie fiel wie erwartet: Die Berliner Sankt-Hedwigs-Kathedrale, wichtigster katholischer Bau in der Hauptstadt und eine der bedeutendsten Bischofskirchen Deutschlands - wird tiefgreifend umgestaltet. Erzbischof Heiner Koch gab seine Entscheidung in einem "Hirtenwort" bekannt.

Der ungewöhnliche Schritt, eine ab 2018 geplante Baumaßnahme in einer solchen Form bekannt zu geben, erklärt sich aus der Vorgeschichte. Auf den Tag genau drei Jahre zuvor hatte Kochs Amtsvorgänger, der heutige Kölner Erzbischof und Kardinal Rainer Maria Woelki, das Projekt auf den Weg gebracht. Er lobte einen Architekten-Wettbewerb zur Sanierung und Neugestaltung des Kathedralinneren aus. Damit griff er bestehende und unstrittige Forderungen nach einer grundlegenden Renovierung auf.

Der Wettbewerb war ergebnisoffen ausgeschrieben. Aus seinem Unbehagen über die bestehende Raumfassung machte Woelki indes keinen Hehl. Beim Wiederaufbau der kriegszerstörten Kathedrale hatte der westdeutsche Architekt Hans Schwippert (1899-1973) bis 1963 eine ungewöhnliche Bodenöffnung im Zentrum der Kirche angelegt. Durch sie führte eine Treppe zur Unterkirche, in der die Berliner Bischöfe und der seliggesprochene Dompropst und Hitler-Gegner Bernhard Lichtenberg (1875-1943) ruhen.

Für viele vor allem Ost-Berliner Katholiken steht dieses Raumkonzept für die Verbindung der Lebenden und der Toten. Überdies sehen sie darin ein einzigartiges Beispiel des Zusammenwirkens von Architekten aus Ost und West in den Zeiten, in denen auch das Bistum Berlin unter der deutschen Teilung litt.

 

Kardinal Woelki "vererbte" das Projekt an Heiner Koch

Vor allem wurde um die Öffnung in der
Bodenplatte gestritten. Sie soll nun geschlossen
werden. Foto: kna-bild

Woelki dagegen verwies auf die Defizite, die der Raum mit Blick auf die Vorgaben aufweise, die das Zweite Vatikanische Konzil (192-1965) macht. Der bei Abschluss des Wettbewerbs im Juni 2014 erstplatzierte Entwurf des Fuldaer Architektenbüros Sichau und Walter sowie des Wiener Künstlers Leo Zogmayer trägt diesen Einwänden Rechnung. Danach wird die Bodenöffnung geschlossen, in die Mitte kommt stattdessen ein Altar, der kreisförmig von Sitzgelegenheiten umgeben sein wird.

Sein Wechsel im September 2014 an die Spitze des Erzbistums Köln verhinderte, dass Woelki sein Projekt selbst zu Ende führen konnte. So musste er es Heiner Koch "vererben", der ihm in Berlin nachfolgte. Unterdessen hatten die Kritiker einer solch einschneidenden Umgestaltung namhafte Unterstützer gefunden. So wandten sich 18 leitende Denkmalpfleger und Kunsthistoriker im September 2014 an die Deutsche Bischofskonferenz, um das Projekt zu verhindern.

Angesichts dieser Konfliktlage nahm sich Koch viel Zeit. Im Dezember holte er Befürworter und Gegner des Architekten-Entwurfs an einen Tisch. Anschließend bat er Gremien und Räte des Erzbistums um qualifizierte Voten. Sie fielen mehrheitlich für eine Umgestaltung aus, allerdings teilweise mit erheblichen Verbesserungsvorschlägen. Nur die Kunstkommission blieb unentschieden. Mit diesen Voten im Rücken sieht Koch sich bestärkt in seinem Wunsch nach einem Kirchenraum, der auch Menschen anspricht, «denen christliche Symbole fremd sind».

 

Größtes Bauprojekt in der Geschichte des Erzbistums Berlin

Mit seiner Weichenstellung steht das Erzbistum Berlin nun vor dem größten Bauprojekt seiner Geschichte. Es veranschlagt die Gesamtkosten auf 60 Millionen Euro. 43 Millionen Euro sind für die Bischofskirche vorgesehen, 17 Millionen Euro für das benachbarte Bernhard-Lichtenberg-Haus. Dort sind ein "Wissenschaftszentrum" für einen Dialog über ethische oder interreligiöse Fragen, ein "niedrigschwelliges Caritasangebot" sowie der Dienstsitz des Berliner Erzbischofs geplant.

Bei der Finanzierung peilt das Erzbistum eine Drittelung an. 20 Millionen Euro hat es bereits selbst an Rückstellungen vorgenommen, ebenso viel haben die anderen 26 deutschen (Erz-)Diözesen zugesagt. Die verbleibenden Summe soll aus staatliche Fördermitteln und von privaten Sponsoren aufgebracht werden. Zugleich betont Erzbischof Koch, dass die Mittel für Kirchengemeinden, Caritas und Seelsorge wegen des Projekts "auf keinen Fall" reduziert werden dürften. Der Skandal um das Limburger Bischofshaus ist als warnendes Beispiel präsent.

kna