27.10.2014

Diskurs über Bestattungskultur statt Auseinandersetzung mit dem Jenseits

Chance vertan, Thema verfehlt...

Mit großen Brimborium ist das Portal „Jenseite.de“ gestartet. Eine tabulose Auseinandersetzung mit Leben, Tod und Sterben wurde uns versprochen. Doch das Ergebnis ist eher enttäuschend.

An vollmundigen Versprechungen hat es nicht gefehlt. Im Gegenteil. Pünktlich zum Start von Jenseite.de, einem neuen, interaktiven „Portal über Leben und Tod“ diktierte Chefredakteur Rainer Demski der Presse in den Block: „Wir wollen erreichen, dass die Menschen Mut fassen, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, was an der Oberfläche tabuisiert wird, aber was in der Tiefe eine unglaubliche emotionale Bewegung auslösen kann. Es geht uns darum, die Angst zu nehmen.“ Ja. Das hört sich gut an. Doch, um es vorwegzunehmen: Jenseite.de ist eine Enttäuschung.

Antworten zum Thema Jenseits sucht man hier vergeblich

Mögliche Antworten darauf, was uns Menschen nach dem Ende des Diesseits erwartet, findet man auf Jenseite.de nirgends. Auch ein fundierter theologischer oder philosophischer Diskurs darüber, wie diese von den Religionen angenommene Wirklichkeit nach oder parallel zu unserem jetzigen Erdenleben aussehen könnte, findet nicht statt. Thematisiert wird vor allem die Trauerkultur in allen möglichen und unmöglichen Ländern. Von der richtigen Bekleidung bei Beerdigungen ist die Rede, die Bestattungskultur des Islams wird beleuchtet, oder das Fest des Todes in Mexiko beschrieben. Das alles ist löblich. Ebenso auch die Interviews mit Altenpflegerinnen oder einer Hospizangestellten. Doch etliche Reportagen zum Thema haben wir woanders schon deutlich besser gelesen; wenn auch nirgendwo so verdichtet wie hier. Das ist der Verdienst des vor rund einem Jahr ins Leben gerufenen Portals.

Fast wie bei Ikea: Der Leser wird "durchgeduzt"...

"commerce meets journalism"

Doch das war es dann auch schon. Dass sich Jenseite.de, anders als der Name vermuten lässt, nur am Rande mit dem Leben nach dem Tod - also dem Nirwana, dem Elysium oder Walhalla -  auseinandersetzt ist schade. Mehr noch: Vollkommen unverständlich ist, warum der Lesern in manchen Artikeln des Portals einfach gnadenlos "durchgeduzt" wird (Organspende). Auch die Auseinandersetzung mit dem Thema Sterbehilfe, die hier zuweilen als Sterbebegleitung verbrämt wird, kann man bestenfalls naiv nennen....

Eine profunde wissenschaftliche oder professionelle, journalistische Auseinandersetzung mit dem Jenseits, sucht man im World Wide Web vergebens. Das meiste, was sich Netz zum Thema tummelt ist Esoterik oder grenzwissenschaftlicher Blödsinn pur. Auf vielen oft zweifelhaften Portalen – nennen wir sie einfach mal Viversum, Jenseits-de oder Astro.TV (deren Angebote hier aus gutem Grund nicht verlinkt werden) – werden uns zwar gerne mal für teuer Geld Kontakte zu Toten angeboten werden. Aber seriös ist das alles nicht. Nein, so schlimm ist Jenseite.de nicht.

Werbung und Kommerz statt Journalismus

Die größte Schwäche des Internetjournals ist eine andere, und sie offenbart sich erst auf den zweiten Blick. Wie so oft im Netz vermischen sich auf Jenseite.de die Grenzen zwischen Kommerz und Journalismus. So findet sich auf etlichen Seiten des Portals Werbung der Sterbegeldversicherung „Monuta“, die zudem nicht als Reklame klassifiziert wurde, sondern wie redaktioneller Inhalt daherkommt. Auch ein Blick ins Impressum verrät, um was es hier vor allem  geht. „Wir machen Medien für neuen Märkte“ heißt es da auf der Webseite von „social markets – AG Agentur für neue Märkte“, die auch jenseite.de herausgibt. Auch besonders interaktiv ist das Portal bisher nicht. Kommentare zu den einzelnen Artikeln gibt es kaum.

Ihr Webreporter Andreas Kaiser