24.08.2016

Oder geht es nicht auch ohne, wie eine wachsende Zahl unserer Zeitgenossen meint

Brauchen wir Gott?

Wozu soll man an einen Gott glauben? Eine wachsende Zahl von Menschen kommt gut ohne Gott aus – und vermisst dabei nichts. 

Uns geht’s gut, die Sonne scheint, und wir haben alles. Brauchen wir noch Gott? Foto: Rainer Sturm/pixelio

„Ich brauche keinen Gott, und die Kirche schon gar nicht“, sagt der Mann mit Safariweste und Fotoapparat. Er sagt es beiseite, so dass die Domführerin nichts hört. Nur seine Frau hört es, die ihn zu dieser Dombesichtigung mitgeschleift hat. Der Mann hat keine Lust auf den Dom, auf Apsismosaiken und Heiligenfiguren und Bischofsstühle, die der Mann allesamt nicht braucht. Er ist nicht der Einzige, der so denkt. „Die Menschen hier brauchen Gott nicht, aber einige vermissen ihn“, hieß ein Kommentar zum Katholikentag in Leipzig. 

Brauchen wir Gott? Wozu denn? Die Welt erklärt uns die Physik, die Hirnforscher sagen uns, warum wir lieben, hassen und denken. Dem Lahmen und dem Aussätzigen hilft der Arzt, dem Armen das Sozialamt. Auch ohne Gott kann ich ein sinnvolles, glückliches und moralisch gutes Leben führen. 

Und wenn wir ihn mal dringend bräuchten, ist Gott nicht da. Vor einem halben Jahr ist zwei Straßen entfernt eine junge Mutter an Hirntumor gestorben. Ihre Gebete haben ihr nicht geholfen. 

Was würden Sie dem Mann vor dem Domportal sagen? Wie ist es mit Ihnen? Brauchen Sie Gott? Ich muss zugeben, dass ich mit einem klaren „Ja“ nicht antworten kann. Die Aussage „Ich brauche Gott nicht, aber ich vermisse ihn“, ist mir gar nicht unendlich fern. 

Ich brauche einen Elektriker, wenn der Strom ausfällt. Einen Chirurgen, wenn meine Knochen brechen. Ich brauche Lehrerinnen oder Lehrer für meine Kinder. Brauche ich meine Kinder? Oder meine Frau, meinen Mann, meine Eltern? Irgendwie schon – und doch nicht. Das Verhältnis zwischen Menschen, die sich lieben, ist mit dem Wort „brauchen“ nicht treffend beschrieben. 

Israel in Ägypten hätte Gott nicht unbedingt gebraucht. Auch in der Sklaverei konnte man leben, sogar Fleischtöpfe dampften. Leichter wurde das Leben nicht auf dem Weg durch Meer und Wüste. Der Gott, der im brennenden Dornbusch plötzlich da war, hatte kein günstiges Angebot in der Tasche. Geheimnisvoll und unbekannt war dieser Gott, der sich „Ich bin, der ich bin“ bezeichnete, der dann verborgen in Feuersäule und Wolke voranging. Dieser Gott verlangte viel mehr, als er nützt. Der Weg mit ihm führt durch Meer und Wüste, durch unbekannte innere und äußere Länder. Man weiß nicht, wo der Weg mit ihm endete.

Aber immer war er da, dieser „ich bin“, immer ruht sein liebender Blick auf seinem Volk, und seine Barmherzigkeit ist so grenzenlos wie er selbst. Mit Gott springt man über Mauern, er trägt wie auf Adlersfittichen, umarmt uns wie eine Mutter oder ein Vater. Man findet ihn an Orten, von denen wir nichts wussten, in Ställen und auf Hinrichtungsstätten, im Licht und im Dunkeln, und wenn die Nacht am finstersten ist, dann ist er plötzlich da. Aber manchmal ist es eben so, als gäbe es ihn gar nicht.

Denn Gott bleibt das Geheimnis meines Lebens, unfassbar und tief. Er ist im Himmel genau so wie auf Erden, außen wie innen. Gott ist der Grund und das Ziel der Fragen, die mich im Innersten bewegen. Und wenn ich mit der Reichweite meiner Möglichkeiten am Ende bin – was sehr bald der Fall ist – dann steht da das letzte Wort des Unbekannten, und es lautet: „Du“. Und selbst wenn alle Rätsel meines Daseins gelöst, alle Versicherungen abgeschlossen und meine letzte Unruhe sediert wäre, es würde mir doch nicht reichen. Darum brauche ich Gott. 

Text: Andreas Hüser