29.11.2017

Georg Diederich veröffentlicht eine Sammlung von Predigten des Mecklenburger Bischofs

Bischof Theissing redet Klartext

Am 11. Dezember vor 100 Jahren wurde Heinrich Theissing geboren. Er war Bischof für Mecklenburg, aber auch ein einflussreicher Vordenker unter den DDR-Bischöfen. Was ihn bewegte, zeigt jetzt eine Sammlung von Predigten

Georg Dietrich
Georg Diederich hat die Predigten Theissings ausgewählt und
historisch kommentiert.  Foto: Hüser

„Überall dort ist der Frieden bedroht, wo versucht wird, ihn auf andere Fundamente als die einer wahren Gerechtigkeit und Liebe zu bauen.“ Die Worte aus dem Friedens-Hirtenwort von 1982 klingen aus heutiger Sicht gar nicht sehr kritisch. Wer wissen will, welcher Sprengstoff in den Sätzen steckte, muss den Hintergrund kennen. 1981 kam es nach einem Hirtenwort aller Bischöfe der DDR zu einem Eklat. Die Bischöfe geißelten den Wehrkundeunterricht, die Jugendweihe, die Verletzung der Religionsfreiheit. Die DDR-Führung tobte. Geschrieben hat diesen Text Bischof Heinrich Theissing. 

Ein Jahr später sollte ein gemeinsames Hirtenwort zum „Frieden“ erscheinen. Den Entwurf schrieb wieder der Schweriner Bischof. Aber die anderen Bischöfe lehnten ab. Man wollte den Staat nicht schon wieder provozieren. Mit Aussagen wie diesen: „Mit Sorge müssen wir alle feststellen, wie das Denken in militärischen Kategorien immer mehr Bestandteil der staatlich gelenkten Erziehung wird. Es gibt in unseren Schulen das Fach Wehrerziehung, aber das Fach Friedenserziehung fehlt. Ein offensichtlicher Hinweis an uns, es selbst zu tun.“ 

Bischof Theissing ließ seine Botschaft trotzdem verlesen, allerdings nur in Mecklenburg. 

Das Hirtenwort gehört zu einer Sammlung von 24 Predigten, die das Heinrich-Theissing-Institut in diesen Tagen als Buch präsentiert. Zu jeder Predigt gibt es eine zeitgeschichtliche Einordnung. 

Wie können Katholiken in der DDR überleben? 

Schwerin war zwar nicht so bedeutend wie Berlin, Dresden oder Erfurt. „Aber Heinrich Theissing war in der Berliner Bischofskonferenz lange Zeit richtungsweisend“, sagt Dr. Georg Diederich, Herausgeber der Briefe. 

„Wir dürfen nicht nur reagieren, wir müssen agieren“, so hieß ein Grundsatz des Bischofs. 1970, als der gebürtige Oberschlesier nach Schwerin kam, standen die Katholiken dort vor einer neuen Situation. Die Nachkriegsjahre waren geprägt von den Flüchtlingen. Sie lebten noch im Geist und in der Frömmigkeit ihrer Heimat. Ähnliches galt für den Großteil des Klerus, dessen Wurzeln im Osnabrücker Raum lagen. 

Aber die Grenze war inzwischen zu. Die DDR sah sich gefestigt. Die Mecklenburger Katholiken brauchten eine eigene Identität. Und sie brauchten eine Seelsorge, die zur politischen Situation passte. Georg Diederich: „Die Bischöfe waren erschrocken, als sie Anfang der Siebzigerjahre feststellten: 60 Prozent der katholischen Jugendlichen gingen zur Jugendweihe.“ Wie sollte die Kirche der Erziehung zum Atheismus begegnen? 

Auf mehreren Wegen versuchte Bischof Theissing, die Katholiken in dieser Lage stark zu machen. Diederich: „Er gab ihnen eine Identifikationsfigur: Niels Stensen, den Bischof und Naturwissenschaftler.“ Stensen widerlegte die These des Marxismus, die allen Schulkindern eingebläut wurde: Wer wissenschaftlich denkt, kann nicht an Gott glauben. 

Theissing förderte ferner die Sammlung von Katholiken: Große Wallfahrten wie in Dreilützow mit Tausenden Gläubigen gaben das Bewusstsein, nicht vereinzelt zu sein. Hauskreise und Religiöse Kinderwochen schufen Zusammenhalt im Kleinen. Eine weitere Strategie: „Bischof Theissing war sich bewusst: Wir müssen sehen, dass wir in die Städte kommen.“ Die Zerstreuung auf dem Land war das Problem der 50er und 60er Jahre. Inzwischen wuchsen große Neubaugebiete in den Städten. Die katholischen Gemeinden sollten dort zu finden sein: So in Neubrandenburg, auf dem Großen Dreesch in Schwerin oder in Rostock-Lichtenhagen. 

All diese Entwicklungen lassen sich in den Predigten des Bischofs wiederfinden. Als Redner hatte Heinrich Theissing eine große Gabe. Die Texte formulierte er schriftlich, lernte sie vor dem Vortrag auswendig. Georg Diederich: „Das war auch eine Absicherung gegen Verleumdung durch Spitzel. Er konnte immer nachweisen, was er gesagt hatte.“ 

Gezwungen wirkten die Predigten deshalb nicht. „Heinrich Theissing konnte die Menschen mitnehmen und begeistern, obwohl er es nie bei einfachen Botschaften beließ. Und man merkte: Seine Predigt waren von einem unerschütterlichen Glauben getragen, einem Glauben, der Berge versetzt. Er war sich sicher: Wenn ihr um etwas betet, dann wird es so kommen.“ 

Text u. Foto: Andreas Hüser