16.03.2016

Pilgern als Trend

Besinnung statt Ballermann

Die Tradition reicht bis ins Mittelalter und darüber hinaus und ist immer noch "in": das Pilgern und Wallfahren. Doch das "fromme Laufen" wandelt sich, wie auf einer am Mittwoch beendeten Expertentagung in Bergisch Gladbach deutlich wurde. Traditionelle Wallfahrtsorte wie Kevelaer oder Altötting stellen sich auf einen neuen Pilger-Typus ein: den Sinnsucher. 

 

Das Wallfahren wandelt sich: Die Pilger heute wollen nicht mehr nur Religiöses, sondern auch Kultur, Kunst und Natur erleben. Foto: kna-bild

Der Bürgermeister von Kevelaer, Dominik Pichler, erinnert sich noch gut an seine Kindheit. Da wurde er in Deutschlands zweitgrößtem Marienwallfahrtsort schon früh morgens um 6 Uhr von Blasmusik geweckt, wenn große Prozessionen über die Hauptstraße zogen. Heute könne er länger schlafen, denn die Gruppen würden weniger und kleiner. "Der klassische Pilger stirbt aus", so der oberste Vertreter der 28.000-Einwohner-Stadt. 

Auf diesen Wandel stellt sich die Stadt ein, die auch von den jährlich 800.000 Pilgern lebt. Neben der traditionellen Wallfahrt mit Gottesdiensten und Rosenkranz-Gebeten soll es künftig ein weiteres Angebot geben: Unter dem Motto "Gesund an Leib und Seele" plant die Kommune einen Pilgerpark mit Thermalbad rund 500 Meter vom Zentrum entfernt. Zielgruppe sind nicht die klassischen Katholiken, sondern Menschen, die Spirituelles suchen. Ein Bibelpark der evangelischen Kirche soll dort auch seinen Platz haben. 

Der Generalsekretär der Wallfahrt in Kevelaer, Rainer Killich, spricht nicht gern vom Rückgang der Wallfahrten. Immer noch meldeten sich pro Jahr 1.000 Gruppen an. Viele Pilger kämen aber nicht mehr organisiert, sondern spontan - wenn etwa das Wetter schön sei. Und große Anziehung hätten inzwischen Angebote für bestimmte Gruppen wie Biker, Rettungssanitäter oder die "regelrecht explodierte" Wallfahrt für Karnevalisten.

Auch das Bayerische Pilgerbüro (bp) registriert deutliche Verschiebungen. Die Zahl der Lourdes-Pilger sei in zehn Jahren von 13.000 auf rund 3.000 geschrumpft, so Geschäftsführer Wolfgang Zettler. Das Unternehmen wolle gegensteuern, erwäge die Kombination mit einem Pyrenäen-Ausflug. Aber die Marienfrömmigkeit nehme ab. 
 

"Man sucht nach Sinn"

Dennoch ist Zettler überzeugt, dass Spirituelles zieht. Denn fast die Hälfte aller Angestellten in Deutschland wünscht sich laut Umfragen ein mehrmonatiges Sabbatical. Und warum? "Man sucht nach Sinn", so der Geschäftsführer. So bietet das bp nun Meditationswanderungen in den Ammergauer Alpen mit der Erfahrung von Schöpfung und Gipfelkreuzen. Besinnung statt Ballermann. 

Für den Trierer Pastoraltheologen Martin Lörsch sucht der moderne Pilger das "Außeralltägliche" und Religion mit Körpererfahrung. Dabei betrachten sich die Wallfahrer selbst nicht unbedingt als religiös, verweist der Theologe auf eine Studie über Jakobspilger. Der Weg ins spanische Santiago de Compostela erlangte durch Hape Kerkeling ("Ich bin dann mal weg") einen Boom. Zwei Drittel schätzen sich nicht oder nur teilweise als religiös ein, aber 80 Prozent als spirituell. Zu sich selbst finden, ist für die Hälfte der Jakobspilger ein Motiv. 
 

Wallfahrtsorte als "spirituelle Kraftorte"

Lörsch plädiert deshalb dafür, Wallfahrtsorte als "spirituelle Kraftorte" für den individuellen Lebensweg auszubauen. Neben Traditionsbestände wie die Beichte müssten andere Elemente wie Kultur- und Naturerfahrungen treten. Ganz wesentlich sei, auf die Gesprächswünsche der Pilger einzugehen - nicht nur durch Seelsorger, sondern auch durch geschulte Ehrenamtliche. 

Auf den neuen Pilger-Trend reagiert auch das Erzbistum Köln. Auf einer Homepage stellt es rund 80 Rad-Pilgertouren vor - nicht nur zu (kunst)historisch bedeutenden Kirchen, sondern zu themenbezogenen Zielen. Eine Tour dreht sich um "Krieg und Frieden" und führt zum Kölner Westfriedhof, wo Gestapo-Opfer begraben sind. Die "Verlorene Heimat" lässt sich in den wegen des Braunkohleabbaus verlassenen Dörfern erspüren. 

Für die Mainzer Volkskundlerin Christine Aka ist die früher "charakteristische Mischung aus Religion und Magie" an den Wallfahrtsorten einer "Mischung von Religion, Esoterik und Wellnessbewegung" gewichen. Aka: "Vom Pilgerabzeichen zu Heilsteinen und Sorgenmännchen ist es auch heute nicht weit."

kna