23.08.2017

Seit rund 150 Jahren begleitet das Raphaelswerk Auswanderer und Rückkehrer.

Beratung auch für Geflüchtete

Seit rund 150 Jahren begleitet das Raphaelswerk Auswanderer und Rückkehrer. Die Aufgaben ändern sich mit den Zeiten: Neuerdings ist die Beratung von Flüchtlingen ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit. 

Flüchtlinge in einem Beratungsgespräch beim Raphaelswerk
Flüchtlinge in einem Beratungsgespräch.  Fotos: Harald Oppitz /kna

„Unser Portfolio hat sich erweitert“, sagt Birgit Klaissle-Walk (38), seit fünf Jahren Generalsekretärin des Raphaelswerkes, dessen Hauptsitz in Hamburg liegt. Ganz neu sei diese Ausrichtung nicht: Schon nach dem Zweiten Weltkrieg widmete sich der katholische Verein verstärkt den Vertriebenen. „Wir sind ein Seismograph für politische Entwicklungen. Nach der Wirtschaftskrise 2009 hat unsere Auswandererberatung stark zugenommen. Jetzt geht es uns gut, die Situation im Ausland ist oft weniger stabil, da sind verstärkt Beratungen für Rückkehrer gefragt.“ Nach der Entscheidung der Briten für den Brexit seien die Anfragen von Deutschen in Großbritannien sprunghaft in die Höhe gegangen, ähnlich war es nach dem Putschversuch in der Türkei. 

Und neuerdings kommen verstärkt Flüchtlinge, um sich beraten zu lassen. Das Wort „freiwillige Rückkehrer“ möchte Birgit Klaissle-Walk vermeiden. Sie spricht lieber von akzeptierter Rückkehr: „Freiwillige Rückkehr würde bedeuten, dass der Flüchtling noch andere Optionen offen hat.“ Das sei aber oft nicht der Fall. Viele der Menschen, die sich jetzt ans Raphaelswerk wenden, sind ausreisepflichtige Flüchtlinge, deren Asylantrag abgelehnt wurde. Aufgabe der Berater sei es dann, parallel zu den Beratungsstellen in Ausländerbehörden, Optionen für die Ratsuchenden in alle Richtungen zu ermitteln – auch mit Blick darauf, ob schon alle rechtlichen Möglichkeiten für einen Verbleib in Deutschland ausgeschöpft wurden. 

Türkei, Jordanien und
Libanon als Ziele

Zugleich gibt es mehr Beratungen von Flüchtlingen, deren Verfahren noch läuft oder positiv beschieden wurde, die aber über eine Rückkehr in die Heimat oder eine Weiterwanderung nachdenken. Es sind häufig Syrer, zumeist junge Familienväter, deren Eltern, Frauen und Kinder noch immer in der Heimat oder in
Flüchtlingscamps eines Nachbarlandes ausharren. „Bis zu drei Jahre kann es sich hinziehen, bis der Familiennachzug geregelt werden kann. So lange wollen viele Geflüchtete nicht warten, sie sorgen sich und informieren sich dann bei uns über eine mögliche Rückkehr.“ So kommt es, dass neuerdings Länder wie die Türkei, Jordanien und der Libanon als Auswanderungsziele erscheinen. Aber auch der Weiterzug in klassische Einwandererländer wie Kanada ist gelegentlich möglich.

Als Arbeitsstelle der Deutschen Bischofskonferenz in Fragen der Aus- und Weiterwanderung laufen beim Raphaelswerk viele Infokanäle zusammen. Seit 2015 häufen sich deshalb dort zugleich die Anfragen von Flüchtlingsberatern anderer Organisationen und Verbände, die sich generell informieren wollen. Aus diesem Grund hat das Generalsekretariat in Hamburg aus eigenen Mitteln eine zusätzliche Beratungsstelle eingerichtet, die vornehmlich auf die Fachberatung Haupt- und Ehrenamtlicher ausgerichtet ist. 

Birgit Klaissle-Walk vom Raphaelswerk in Hamburg
Birgit Klaissle-Walk Foto: Monika Sendker

Innerhalb der Caritas sei das Thema Abschiebung und Rückkehrberatung lange kontrovers diskutiert worden, berichtet Birgit Klaissle-Walk. „Wir wollen nicht zu Erfüllungsgehilfen des Staates bei einer Abschiebung werden. Aber inzwischen hat sich die Sichtweise durchgesetzt, dass wir auch Menschen, die keine Bleibeperspektive mehr haben, begleiten müssen.“ In diesem Sommer habe die Caritas unter Federführung des Raphaelswerkes deshalb gemeinsame Leitlinien beschlossen, die Mindestkriterien für die Rückkehrberatung festlegen. So müssten Beratungen ergebnisoffen sein, die Ausreise dürfe nicht vorrangig sein. Hilfesuchende müssen über Rückkehr- und Starthilfen in der Heimat informiert werden. „Die freiwillige Rückkehrberatung ist jedoch Ländersache, und da setzt unsere Kritik an“, sagt Birgit Klaissle-Walk: „Es gibt Themen, die müssen bundesweit einheitlich geregelt werden. Die Beratung und Unterstützung von Menschen, die zurückkehren, darf nicht willkürlich vermittelt werden und vom einzelnen Bundesland abhängen.“

Zugleich fordert die Generalsekretärin, die Rückkehrberatung nicht staatlichen Stellen, sondern freien Trägern zu überlassen: „Unserer Meinung nach kann die Behörde, die den Ausreisebescheid verschickt, höchstens eine Formulierungshilfe zum Ausreiseformular bieten, aber nicht unabhängig und ergebnisoffen beraten.“ 

Rückkehrhilfen müssen in Deutschland einsetzen

Ebenso wichtig seien einheitliche Hilfen für Rückkehrer, die schon in Deutschland einsetzen müssten: „Wenn die Situation in den Herkunftsländern weiter ohne Perspektive ist, machen sich die Menschen dort gleich wieder auf den Weg, um aus völlig legitimen Gründen ein besseres Leben für sich und ihre Familie zu suchen. Aus dem gleichen Grund sind viele unserer Vorfahren vor 200 Jahren nach Amerika, Kanada und Südamerika gezogen.“ Deshalb heute diese Menschen als Wirtschaftsflüchtlinge abzuurteilen, findet Birgit Klaissle-Walk verwerflich. 

Text u. Foto: Monika Sendker