04.11.2014

YouTube-Video dokumentiert, wie Männer Frauen auf der Straße behelligen

Belästigung: Alltag in unseren Städten?

Ein zwei Minuten langes Video auf YouTube schockiert oder macht zumindest nachdenklich. Der Film zeigt eine junge Frau, die durch New York spaziert und dabei hundertfach von Männern angesprochen und belästigt wird. Alltag in unseren Städten? Viele Frauen sagen: "Ja!"

Das erste Wort, dass einem vielleicht einfällt ist: krass. Ich hätte nie gedacht, dass das Ganze so schlimm ist, solche Ausmaße hat. Dass sich Kerle - Männer! – gerne mal daneben benehmen, war klar. Doch dass fast in jedem dritten, vierten Mann ein tumber Tölpel zu stecken scheint, schockiert! Und genau so ist das Video von Shoshana Roberts wohl auch gedacht, das sie und ein Freund jüngst auf YouTube gestellt hat: Es soll aufrütteln.

"Hey Baby" gehört noch fast zu den netteren Sprüchen ...

Insgesamt zehn Stunden war die New Yorkerin für ihren Beitrag auf den Straßen ihrer Stadt unterwegs, aufgeteilt in mehrere Etappen. Unfassbare 108-mal wurde sie bei ihren Spaziergängen von Männern zum Teil rüde angesprochen, belästigt. Dabei war sie - anders als man vielleicht meinen könnte - nicht einmal besonders aufreizend angezogen. Kein kurzer Rock, kein tiefer Ausschnitt. Nichts dergleichen. Stattdessen: Alltagskleidung: schwarze Jeans, schwarzes T-Shirt, Turnschuhe. Trotzdem wurde für sie jeder Weg zu einer Art Spießroutenlauf. Angemacht wurde Shoshana Roberts auch, obwohl sie die meiste Zeit nur stur geradeaus oder nach unten blickt, keinem der Männer in die Augen schaut oder sie anlächelt. In keiner Weise könnte man also denken, wenn man "noch alle Tassen im Oberstübchen" hat, dass diese Frau an einem Flirt interessiert sei. Viel zu entschlossen, zu schnell ihr Schritt, zu abweisend der Blick.

Organisation Hollaback kämpft seit Jahren gegen sexuelle Belästigung

Aufgenommen hatte den aus mehreren Sequenzen bestehenden Kurzfilm Rob Bliss, ein Freund von Roberts. „Meine Freundin Kendal, die jeden Tag ähnliche Erfahrungen macht wie Shoshana, hat mich dazu inspiriert“, sagt der angehende Regisseur. Für das Projekt hatte Bliss eine Kamera in seinem Rucksack versteckt und lief vor seiner Hauptdarstellerin her. Roberts selbst hielt noch unauffällig zwei Mikrofone in ihren Händen, um die Sprüche der Männer aufzunehmen. Auch eine Art Auftraggeber, ein Sponsor bzw. Produzent für den Kurzfilm war schnell gefunden. Es ist die gemeinnützige Organisation Hollaback, die seit geraumer Zeit die alltägliche Belästigung von Frauen anprangert. Hollaback behauptet, dass „70 bis 99 Prozent aller Frauen zumindest einmal in ihrem Leben belästigt“ werden.

Kostproben solcher zumindest verbalen Belästigungen gibt es in dem Film zuhauf. „Hallo Liebling“, „Wie geht es unserer Schönen heute“, „Hey Baby“ oder einfach nur ein „Wow“. Merkwürdigerweise beziehen sich etliche Männer auf Gott, preisen gar den Herrn beim Anblick Shoshanas …

Sogar der liebe Gott muss für plumpe Annäherungsversuche herhalten

Der "New York Daily News" ezählte die junge Schauspielerin, dass sie viele Anmachen „gar nicht sofort realisiert“ habe. „Es gab Geräusche, die Männer zu mir gemacht haben, die ich erst beim Anhören des Filmes richtig verstanden habe." Manche Herren der Schöpfung waren in ihrer Anmache besonders penetrant, wirkten gar bedrohlich und gingen zum Teil über Minuten dicht neben der jungen Frau her und starrten sie an. Andere wiederum blafften und herrschten die New Yorkerin regelrecht an. „Lächle!“ Oder: „Wenn dir jemand sagt, dass du gut aussiehst, musst du dich bedanken.“ Shoshana Roberts erzählt, dass es für die Männer keinen Unterschied machte, ob sie ernst, traurig oder fröhlich durch den Tag ging.

Vergewaltigungsdrohungen nach der Veröffentlichung des Videos

Angemacht wurde sie dabei von so gut wie jedem. „Es waren weiße Männer, schwarze oder auch Latinos.“ Die massive Ansammlung von dummen Sprüchen führte schließlich dazu, dass die junge Frau Angst bekam. „Ich fühle mich dadurch nicht mehr sicher in meiner eigenen Stadt.“ Das Schlimmste: Offenbar machen viele Frauen überall auf der Welt ähnliche Erfahrungen. Das jedenfalls zeigen die Reaktionen im Internet. Dass der Film den Nerv der Zeit getroffen hat, beweisen auch die zahlreichen Kommentare unter dem Video. Neben einigen Usern, die sich schockiert und entsetzt zeigen, verharmlosen wieder andere das Problem. Einige sprechen von „Komplimenten“, die Shoshana da bekommen haben soll. Laut Hollaback gab es etliche wütende Männer, die Roberts gegenüber Rache ankündigten, obwohl in dem Film bewusst alle Gesichter unkenntlich gemacht wurden. Einige sollen der Schauspielerin sogar offen mit Vergewaltigung gedroht haben. Dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen, meint

Ihr Webreporter Andreas Kaiser