27.07.2016

Erzbischof Stefan besuchte christliche Flüchtlinge im Libanon

Auch das Gebet hilft

In seiner Funktion als Sonderbeauftragter für Flüchtlingsfragen der Deutschen Bischofskonferenz hat Erzbischof Stefan Heße eine viertägige Reise in den Libanon unternommen. Dort hat er kirchliche Hilfsprojekte für syrische und irakische Flüchtlinge besucht und mit Politikern und Vertretern der Kirche gesprochen. 

Östlich von Beirut, etwa 15 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, liegt dieses inoffizielle Flüchtlingscamp in der libanesischen Stadt Jdita. Erzbischof Heße sprach dort mit Flüchtlingen aus Syrien und verteilte Süßigkeiten an die Kinder.      Foto: kna

Nach der Rückkehr von einer viertägigen Reise in den Libanon: Welche Bilder haben Sie im Kopf? 

Flüchtlinge, die in Zelten leben, auf einem Acker, für den sie dem Bauern 100 Dollar pro Jahr zahlen, um dort für unbestimmte Zeit ein äußerst primitives Leben zu führen. Oft sind ganze Großfamilien auf engstem Raum zusammen. Das war eines der eindrucksvollsten Bilder. Was mich bei den vielen Begegnungen sehr bewegt hat, war das Zeugnis von Christen, die in der Gewalt des Islamischen Staates waren und erzählt haben, wie es ihnen dabei ging. 

 

Was hatten sie erlebt? 

 

Sie berichteten, wie sie in ihrem Dorf überfallen wurden, von der einen Seite eines Flusses auf die andere gebracht und abtransportiert wurden. Dann hat man von ihnen verlangt, sie sollten zum Islam übertreten, sonst werde man sie töten. Das haben diese Leute nicht getan. Sie haben also Zeugnis für ihren Glauben gegeben. Drei von ihnen sind ermordet worden, den anderen hat man angedroht: Ihr werdet morgen früh ermordet werden. So etwas zu hören, geht einem schon unter die Haut, vor allem, wenn man dabei einer Mutter gegenübersteht, die ein kleines Kind auf dem Arm hat. Sie hat überlebt. Man sprach von den drei Toten als von Märtyrern des Glaubens. Sie wurden für ihr Christsein ermordet. 

 

Sie sind in den Libanon gefahren, um zu helfen. Konnten Sie helfen? 

 

Die Menschen dort besucht zu haben, ist schon wertvoll. Sie fühlen sich dadurch beachtet. Wenn da Menschen aus Deutschland, dazu mit einem Bischof, kommen, ist das Zeichen der Wertschätzung und der Ehre. 

Wir haben auch mit vielen Kirchenvertretern gesprochen. Die legen höchsten Wert darauf, dass die Zusammenarbeit mit Deutschland und mit der deutschen Kirche vertieft wird. Sie vertrauen fest auf unsere Hilfszusagen. Viele Hilfswerke und viele deutsche Diözesen sind im Libanon aktiv. Es ist wichtig, dass wir das tun und vor allem die Christen stärken. Der Libanon ist ein ausbalanciertes System von Kräften. Die Christen spielen dabei eine wesentliche Rolle. Es ist wichtig, dass sie da sind. 

 

Wie haben Sie auf der Reise das Verhältnis der Religionen im Libanon erlebt – als ein Miteinander oder als ein Gegeneinander? 

Ein Gegeneinander habe ich nicht erlebt. Wir haben zum Beispiel eine mobile Klinik des Malteserordens kennengelernt. Diese Klinik trägt ganz klar das Malteserkreuz. Aber es ist selbstverständlich, dass dieses Klinikauto auch vor einer Moschee steht. Und über Ihren Lautsprecher wirbt die Moschee dafür, das Angebot wahrzunehmen. Solche Beiträge sind für den Frieden im Land sehr wichtig. 

 

Man vergleicht gern die Flüchtlingszahlen beider Länder: Deutschland mit 81 Millionen Einwohnern hat etwas mehr als eine Million Flüchtlinge aufgenommen. Im Libanon, mit sechs Millionen Einwohnern, leben ebenso viele Flüchtlinge. In der Tat ist die Zahl der Flüchtlinge gleich. Aber nicht nur die Zahl der Einwohner ist völlig unterschiedlich, sondern auch die Größe des Landes. Mir ist aufgegangen: Das Erzbistum Hamburg ist flächenmäßig dreimal so groß wie der Libanon. Wegen dieses Unterschieds hat man nicht die Möglichkeit, die vielen Menschen zu integrieren. Man tut das, was im Moment gefragt ist. Dabei hilft eine Eigenschaft der Libanesen: Sie sind überaus gastfreundlich. 

Woran kann man das erkennen? 

Zum Beispiel im Bereich der Schule. Der Libanon hat sein öffentliches Schulsystem gewissermaßen verdoppelt. Morgens kommt eine Schicht Schüler, am Nachmittag die zweite Schicht – so dass auch die syrischen Flüchtlingskinder Unterricht bekommen. Das ist ein enormer Aufwand, der viele Kräfte braucht, auch viel Geld. Deshalb hat der Bildungsminister uns gesagt: Bitte vergesst uns nicht! 

Kommt diese Bitte in Deutschland an? 

Ich hatte den Eindruck, dass es eine gute Zusammenarbeit zwischen den Ländern gibt. Der deutsche Botschafter im Libanon hat uns klar gemacht: Deutschland versucht, das Land zu unterstützen, wo immer es geht. 

Was können Christen tun, um speziell den Christen im Libanon zu helfen?

Allein dass wir da waren, war schon ein starkes Zeichen. Die Solidarität unter Christen ist für die libanesischen Christen etwas ganz Zentrales. Man sollte diese Solidarität nicht vernachlässigen. Alles, was an materieller Unterstützung in die christlichen Gemeinden fließt, ist wichtig. Notwendig ist aber auch eine ideelle Unterstützung – und eine geistliche. Füreinander beten, das ist für die Christen im Libanon nicht nur eine fromme Floskel. Ich habe den Eindruck: Das Bewusstsein, dass wir als Brüder und Schwestern zusammengehören und dass für sie gebetet wird, ist für sie ganz wichtig. 

Interview: Klaus Böllert