13.08.2014

„Spirituelle Strandwanderung“ mit Tourismusseelsorger Michael Wrage in St. Peter-Ording

Anker und Segel für die Seele

Kann ein Strand in der Hochsaison ein Ort sein, wo Menschen zur Besinnung kommen? Seit vier Jahren zieht Tourismusseelsorger Michael Wrage mit Urlaubern los. Seine „Spirituellen Strandwanderungen“ gehören zum Programm der Tourismusseelsorge von St. Peter-Ording.  

Um eine spirituelle Stimmung herzustellen, muss man in St. Peter-Ording nicht weit gehen. Ein paar Schritte hinter dem Holzsteg, der zu den Stelzenhäusern führt, jenseits von hunderten geparkter Fahrräder, da ist der Trubel vorbei. Und es beginnt die Endlosigkeit des Sandes von St. Peter-Ording. Eine Wüste im Kleinen. Still ist es hier nicht. Aber alles, was man hört und sieht, ist plötzlich ganz weit weg: Das Jauchzen der Kinder, das Flattern der Segel. Weit weg ist das Meer – es ist Ebbe. Selbst die kleinen Priele, in denen die Sonne glitzert, sind weit weg, und der Horizont und die Dünen und die Federwolken am blauen Himmel.    

„Nicht jeder kommt mit dieser Weite klar“, sagt Michael Wrage. Seit 14 Jahren lebt der Pastoralreferent in dieser Welt ohne Grenzen. Er begleitet als katholischer Seelsorger Menschen – nicht nur auf Spaziergängen. Einige halten es nicht lange aus, wenn das Auge kaum Halt findet. Andere finden in der Offenheit der Landschaft einen Wegweiser für ihren eigenen Weg. Und im großen Schweigen, das spätestens zum Sonnenuntergang beginnt, haben einige schon die Stimme Gottes gehört. 

Der Strandspaziergang ist eine lockere Sache. Man geht in einer kleinen Gruppe über den Strand, hält an, hört kurze Texte, spricht über eine biblische Szene. Es gibt weder Schweige- noch Redezwang. Zwischendurch kommt man auf andere Themen: Das bevorstehende Mega-Event des Kite-Surfing Weltcups, die Bewegung der Wanderdünen, alte und neue Bausünden im Nordseebad, die tödlichen Badeunfälle an der Ostsee, während die Nordsee ruhig dalag wie selten. 

Massen sind es nie, die bei diesem Spaziergang teilnehmen. Mal zehn, mal 15 Menschen. Heute haben sich nur vier Wanderer am „Kirchenschiff“ eingefunden. Sie sind durch den Hinweis im Kurprogramm neugierig geworden. Das Wort „spirituell“ zieht. Mal etwas anderes als Strandgymnastik oder Leuchtturm-Besuch. Zwei Stunden für sich selbst haben, das genießen viele Eltern im Dauerstrandeinsatz. Gucken, was kommt. „Ich starte so etwas immer ohne Erwartungen“, sagt eine Teilnehmerin aus Westfalen. „Das macht mich frei und offen für das, was kommt.“ 

„Kein Strandspaziergang ist wie der andere“, sagt auch Michael Wrage. „Man weiß nie, wer kommt und was kommt.“ Jeden Spaziergang bereitet er extra vor, mit einem neuen Thema und neuen Texten. Heute lautet das Thema „Segen“. Die kleine Gruppe stellt sich zusammen zu einem Gebet vor der Seefahrt:

„Führe uns durch wilde Wogen zum sicheren Hafen.

Segne die Bootsleute und das Boot,

segne Anker und Ruder, Segel und Mast,

lass sie stark sein vor dem Wind,

damit wir heimkehren in Frieden.“ 

Anker, Ruder und Segel, erklärt Michael Wrage, sind nicht nur Teile eines Schiffes, sondern haben Symbolcharakter: Wo liegt mein Anker? Welcher Wind steht in meinem Segel? Vom Weg und Ziel, Aufbruch und Heimkehr ist noch öfter die Rede in dieser kleinen Weggemeinschaft. Dann eine altbekannte Bibelstelle, die auch etwas mit Segen zu tun hat: Die Hochzeit von Kana. Es kommen vor: ein Sohn, der die Mutter grob anfährt; ein kaum vorstellbarer Überfluss, sechs Krüge à 100 Liter Wein. Die merkwürdige Botschaft: das Beste nicht sofort verpulvern, sondern für den Schluss aufbewahren. Vielleicht auch ein Hinweis auf unsere menschlichen Beziehungen? 

Zwei Stunden Spaziergang, das klingt nach einer strammen Wanderung. In Wirklichkeit dauert der Weg nur eineinhalb Stunden. Aber nach der Ankunft am Kirchenschiff bleibt die kleine Weggemeinschaft noch plaudernd zusammen. Dass man sich wiedersieht, ist unwahrscheinlich, aber möglich. Vielleicht beim Taizégebet oder bei einer „Andacht unter Sternenhimmel“ oder bei einer Betrachtung der wunderschönen Fenster in der katholischen St. Ulrich-Kirche? 

Aber das ist nicht entscheidend. Der letzte Text des Spaziergangs spricht davon, worum es beim Segen geht. Nicht um große Ziele und Ausnahmeerlebnisse im Sommerurlaub. „Den eigenen Ort segnen, da wo ich gerade bin. Mich nicht fortwünschen, mich nicht fortdenken.“ Nicht der Sommertag am Strand ist Segenszeit. Sondern alle anderen Tage, wenn man wieder zu Hause ist, beschäftigt mit alltäglichen Dingen und Menschen. Das erinnert an die Botschaft Gottes an Mose: „Wo du stehst, ist heiliger Boden.“

  • Der nächste Strandspaziergang (nur, wenn es nicht regnet) findet am Dienstag, 19. August 2014 um 15 Uhr statt und dauert ca. zwei Stunden. Treffpunkt ist das Kirchenschiff (Karkenschipp) am Ordinger Strand.

Text und Foto: Andreas Hüser