30.07.2014

Forschung: Geschichte des Missionars Ansgar und des Erzbistums Hamburg muss neu erzählt werden

Am Anfang steht eine Fälschung

Die Geschichte des Erzbistums Hamburg muss in ihren Anfängen neu geschrieben werden: Dass Hamburg im Jahr 831 Erzbistum wurde mit dem Missionar Ansgar an seiner Spitze, ist nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen eine Legende.

Apostel des Nordens, aber nicht Erzbischof: der hl. Ansgar auf der Trostbrücke.  Archivfoto: Sendker

Die entsprechende Gründungsurkunde Kaiser Ludwig des Frommen, aus der in der Überlieferung immer wieder zitiert wird, ist offensichtlich eine Fälschung. Zu diesem Ergebnis kommt die Projektgruppe „Edition der Urkunden Ludwigs des Frommen“ an der Universität Bonn unter Leitung von Prof. Dr. Theo Kölzer, so berichtet es Prof. Dr. Rainer-Maria Weiss, Direktor des Archäologischen Museums Hamburg: „Diese Erkenntnis passt zudem mit unseren archäologischen Funden überein.“ Weiss sorgte gerade erst mit der Nachricht für Schlagzeilen, dass die langgesuchte Hammaburg doch auf dem heutigen Domplatz gestanden haben muss. Vorausgegangen waren eine Neubewertung der wissenschaftlichen Ausgrabungsergebnisse. So gab es wohl schon eine Burg, als Ansgar nach Hamburg kam. Er kam als Missionsbischof, und die kleine Siedlung zwischen Alster und Elbe war sein Missionsstützpunkt, bis er sich 845 beim Wikingerüberfall nach Bremen rettete.

Bremen gehörte damals noch zu Köln. Im Folge der Reichs-teilung 843 wollte sich Bremen jedoch von Köln absetzen: Gemeinsam mit Hamburg wollte das Bistum an der Nordgrenze zu den Dänen und Schweden seine Macht entfalten. Aus diesem Bestreben heraus und im Streit mit Köln wurde die Gründungsurkunde offensichtlich von Klerikern in Bremen um 890 gefälscht, um so die Legitimation eines Erzbistums Hamburg zu beweisen. 893 ließ sich Papst Formosus davon überzeugen: In seinem Schiedsspruch entschied er für das Doppelerzbistum Hamburg-Bremen.

„Diese Neubewertung ändert nichts am Wirken Ansgars, wohl aber an seinem Status“, so Weiss. Diözesanarchivar Martin Colberg hat die Neuerkenntnisse bereitwillig aufgenommen: „Der historische Ansgar ist durch die Ausgrabungsergebnisse konkreter geworden. Seine Rolle in Hamburg war weniger bedeutsam als bislang angenommen,“ so Colberg. „Das heißt aber auch, dass der vor einem Jahr verstorbene Ludwig Averkamp der erste Hamburger Erzbischof war.“

Text: Monika Sendker