23.08.2017

Was hat sich in den 25 Jahren geändert?

Als der rechte Mob die Straße regierte

Die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen, die zum Symbol für Fremdenhass wurden, jähren sich zum 25. Mal. Seither hat sich jedoch einiges geändert, hat Pater Franz Moldan aus der katholischen Gemeinde beobachtet.

Pater Franz Moldan  Foto: Michael Althaus/kna

Die Bilder prägten sich ein: An einem Samstagabend vor 25 Jahren versammeln sich bis zu 2 000 Menschen vor der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen. Molotow-Cocktails fliegen auf den Plattenbau mit dem Sonnenblumen-Mosaik auf der Fassade. „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!“, skandieren die einen, während andere tatenlos zusehen oder applaudieren.

Im Laufe des Wochenendes wächst die Menge weiter an. Rechtsextreme aus ganz Deutschland reisen an, während die wenigen Polizisten vor Ort überfordert sind. Der Teil des Sonnenblumenhauses, in dem 150 vietnamesische Arbeiter untergebracht sind, wird von Demonstranten in Brand gesteckt. Während die eingeschlossenen Bewohner in Todesangst ausharren, behindern Schaulustige die Einsatzkräfte. Erst am Mittwoch beruhigt sich die Lage; es ist der 26. August. Etwa 200 Polizisten sind am Ende verletzt. Zum Glück kommt niemand ums Leben. Lichtenhagen wird zum Symbol für Fremdenhass in Ostdeutschland.

Auch Spiritanerpater Franz Moldan ist fassungslos, wenn er sich heute an die Ereignisse vom Sommer 1992 erinnert. Der 65-Jährige ist Flüchtlingsbeauftragter der katholischen Pfarrei in Rostock. „Dummheit“ und „mangelnde Zivilcourage“ erkennt er bei der Bevölkerung und den Behörden von damals. Neben den Tätern und der umstehenden Menge kritisiert er auch die Polizei, die sich viel zu passiv verhalten habe. Aber: „Was im Fernsehen nicht gezeigt wurde, ist, dass sich Nachbarn für die Flüchtlinge eingesetzt haben“, sagt Moldan. Anwohner hätten den Opfern geholfen, aus dem brennenden Haus zu entkommen.

Auch 25 Jahre später gehören Hetze gegen Ausländer und brennende Flüchtlingsheime in Deutschland nicht der Vergangenheit an. Der jüngste Bericht des Verfassungsschutzes registrierte eine erhöhte Zahl rechtsextremer Gewalttaten. Angst, dass sich die Ereignisse von 1992 wiederholen könnten, hat Moldan dennoch nicht. Bis auf wenige Ausnahmen seien die Rostocker nicht gegen Flüchtlinge eingestellt. 

Knapp 3 000 Flüchtlinge leben heute in der gut 200 000-Einwohner-Stadt, das sind 1,5 Prozent. Einige wohnen laut Moldan in unmittelbarer Nähe des Sonnenblumen-Hauses. Gerade dort erlebe er heute große Offenheit: „Die Leute wollen zeigen: Wir sind nicht mehr so wie damals.“ Schon oft habe er erlebt, dass Nachbarn neu zugezogene Asylbewerber in den sonst so ano­nymen Plattenbauten ansprechen und ihre Hilfe anbieten.

Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, beschrieb die Ausschreitungen am Dienstag bei einer Gedenkveranstaltung in der Rostocker Marienkirche laut Redemanuskript als „die massivsten fremdenfeindlich motivierten Übergriffe der deutschen Nachkriegsgeschichte“.

Text u. Foto: Michael Althaus / kna