13.09.2017

Erzbischof Stefan Heße besucht Flüchtlinge und Helfer an den EU-Außengrenzen

„Wir brauchen mehr Fairness“

Erzbischof Stefan Heße hat in seiner Funktion als Flüchtlingsbeauftragter der Deutschen Bischofskonfererenz eine Reise nach Sizilien unternommen, um sich ein Bild von der Lage der Flüchtlinge an den EU-Außengrenzen zu machen.

Erzbischof Heße begutachtet ein Boot auf dem Bootsfriedhof auf Sizilien
Tief berührt zeigte sich Erzbischof Stefan Heße beim Besuch eines „Bootsfriedhofs“ auf Sizilien.  Foto: Deutsche Bischofskonferenz / Jörn Neumann

Vier Tage war Stefan Heße auf der süditalienischen Insel unterwegs, um Flüchtlinge, Helfer und Aufnahmeeinrichtungen zu besuchen. In der 20 000-Einwohner-Stadt Pozzallo besichtigte er den „Hotspot“ – eines von vier Registrierungs- und Aufnahmezentren für Flüchtlinge in Sizilien. Seit Anfang Juli ist die Situation aufgrund der sinkenden Zahl ankommender Flüchtlinge dort verhältnismäßig entspannt. In Gesprächen mit Kirchenvertretern und zivilgesellschaftlichen Organisationen wurde jedoch deutlich, dass die Frage der anschließenden Unterbringung und Versorgung weiterhin ungelöst sei. „Flüchtlinge geraten nach der Erstaufnahme regelmäßig in prekäre Verhältnisse, das betrifft die Unterbringung und vielfach auch die Arbeitsbedingungen bis hin zu regelrechter, auch sexueller Ausbeutung“, betonte Heße. 

Dass die katholische Kirche europa- und weltweit die Bemühungen für die Flüchtlinge noch einmal verstärken müsse, darin stimmte der Hamburger Erzbischof in einem Gespräch mit Kardinal Francesco Montenegro überein. Montenegro, zu dessen Erzdiözese die Insel Lampedusa gehört, sei eine Symbolfigur für den Flüchtlingseinsatz der katholischen Kirche, so Heße: „Ich kann ihm nur zustimmen. Wir sind eine Weltkirche und haben daher den Auftrag, zu globalen Lösungen beizutragen.“ 

Jugendarbeitslosigkeit erschwert die Integration

In einer Aufnahmeeinrichtung für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge der Salesianer Don Boscos in San Gregorio zeigte sich der Erzbischof beeindruckt vom Engagement der Ordensmänner, Erzieher und Psychologen: „Hier wird Großartiges geleistet, ich bin aber auch berührt vom Lebensmut der jungen Flüchtlinge. Trotz ihrer schlimmen Erfahrungen und Traumata suchen sie einen neuen Weg in die Zukunft. Dabei darf man nicht vergessen, dass die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Süditalien ein großes Hindernis für die berufliche Integration junger Flüchtlinge ist.“

Die Krise der privaten Seenotrettung war Thema intensiver Gespräche mit dem Vertreter der Europäischen Kommission und Kirchenvertretern. Mehrere Rettungsinitiativen haben in jüngster Zeit ihre Aktivitäten ausgesetzt, da sie angesichts verstärkter Zusammenarbeit zwischen Italien beziehungsweise der EU mit Libyen ihre Handlungsmöglichkeiten für eingeschränkt halten. „Libyen ist ein Land ohne funktionierende staatliche Strukturen. Es gibt zahllose Berichte über schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen. In seiner derzeitigen Verfassung ist Libyen deshalb kein Partner für die EU-Flüchtlingspolitik“, so Heße.

Auch die Überreste eines „Bootsfriedhofs“ hat der Flüchtlingsbeauftragte besichtigt. „Es hat mich sehr berührt, direkt vor einem Boot zu stehen, mit dem Menschen versucht haben, über das Meer zu gelangen – aber sie sind nicht am Ziel angekommen“, bekannte er anschließend. 

Zum Abschluss seiner Reise mahnt der Erzbischof eine verstärkte Solidarität der europäischen Staaten an. „Die Länder an der EU-Außengrenze haben große ökonomische Probleme, sie müssen deshalb bei der Aufnahme von Flüchtlingen dringend entlastet werden. Wir brauchen mehr Fairness: Fairness zwischen den europäischen Staaten. Und vor allem: Fairness gegenüber den Flüchtlingen. Dafür sollte die Kirche in Europa ihre gemeinsame Stimme erheben.“    (dbk / kna)

Text: dbk/kna