11.01.2017

Melanie Leonhard ist nicht nur eine aktive Politikerin, sondern zugleich eine engagierte Katholikin

„Vieles wirkt bis heute nach“

Sie ist die jüngste SPD-Politikerin im Senat und hat eine der schwersten Aufgaben übernommen: Melanie Leonhard (39) steht an der Spitze der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration. Was nicht so bekannt ist: Die Sozialpolitikerin ist eine engagierte Katholikin.

Mit Holzengel: Sozialsenatorin Melanie Leonhard.     Foto: Sendker

Aufgewachsen ist Melanie Leonhard in Wilhelmsburg. Dort gehörte die Familie zur St. Bonifatius-Gemeinde. Sie war neun, als die Familie nach Harburg zog und damit in die St. Marien-Gemeinde kam. 1992, mit 14 Jahren, absolvierte sie ein dreiwöchiges Sozialpraktikum in der Suppenküche für Obdachlose. Damals habe sie sich noch keine Gedanken darüber gemacht, wieso Menschen auf der Straße landen, gesteht die Sozialpolitikerin: „Aber ich war beeindruckt davon, wie viele Ehrenamtliche intensive persönliche Bekanntschaften zu den Menschen hatten, die da kamen.“

Von der „Boni“, der katholische Bonifatius-Schule in Wilhelmsburg, wechselte die Schülerin nach dem Umzug auf die Katholische Schule Harburg, wo sie den Realschulabschluss machte. Die Klasse war klein, der Klassenlehrer engagiert, ebenso das ganze Lehrerkollegium, erzählt sie: „Wir hatten eine sehr enge Klassengemeinschaft, auch in der Freizeit. Vieles wirkt bis heute nach.“ Danach besuchte sie das Lessing-Gymnasium, um Abitur zu machen. Mit den katholischen Schulen fühlt sich die Politikerin bis heute eng verbunden. Liegt es an der besonderen Wertevermittlung, die katholische Schulen für sich beanspruchen? „Jede gute Schule vermittelt Werte, das gelingt den Schulen – auch den katholischen – unterschiedlich gut“, sagt sie diplomatisch.

Während ihrer Schulzeit engagierte sich Melanie Leonhard zunächst beim evangelischen Verband christlicher Pfadfinderinnen, dann leitete sie eine Pfadfinderinnen-Gruppe der katholischen Pfadfinder St. Georg in ihrer Gemeinde. Auf dem Freizeitplan stand bei den Mädchen zu jener Zeit vor allem Gruppenarbeit, das Spektrum reichte von Basteln bis zu weltpolitischen Themen. Auch mit Flüchtlingsarbeit kam die junge Pfadfinderin erstmals in Berührung, als sie Kinder aus dem Kosovo in einer Schule in Neuhof betreute.

Eigentlich wollte sie gerne Krankenschwester werden

Dass sie einen sozialen Beruf ergreifen wollte, stand für Melanie Leonhard nach dem Freiwilligen Sozialen Jahr fest, das sie als Pflegehelferin im Krankenhaus Mariahilf Harburg, seinerzeit noch in katholischer Trägerschaft, absolvierte. Es gefiel ihr so gut, dass sie gerne eine Ausbildung zur Krankenschwester begonnen hätte. Dann studierte sie aber doch an der Universität Hamburg Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Politikwissenschaft und Geografie. 2009 promovierte sie mit einer wissenschaftlichen Arbeit über die Reederfamilie Rickmers und die deutsche Schifffahrt von 1834–1918. Bis zu ihrer Berufung in den Senat war die Historikerin, die seit 2011 als SPD-Abgeordnete der Hamburgischen Bürgerschaft angehört, als Leiterin der Abteilung Stadtgeschichte im Archäologischen Museum tätig. Sie ist verheiratet und hat einen zwei Jahre alten Sohn.

Zum 1. Oktober 2015 hat sie die Nachfolge von Sozialsenator Detlef Scheele übernommen. Das war jene Zeit, als so viele Flüchtlinge wie nie nach Hamburg kamen und in Baumärkten und Zelten untergebracht werden mussten. Der Zustrom habe sie bei ihrem Amtsantritt überwältigt, gesteht sie. „Wir haben harte Zeiten durchlebt, alle miteinander in der Behörde. Samstags wussten wir oft nicht, ob wir schlafen gehen können oder noch 400 Flüchtlinge kommen, die untergebracht werden mussten.“ 

Inzwischen sei das Thema ja Gott sei Dank nicht mehr so in den Medien präsent. „Aber aus unserer Sicht ist es nach wie vor eine riesige Aufgabe. 6800 Menschen leben immer noch in Erstaufnahmeeinrichtungen, obwohl sie bereits Anspruch auf eine Folgeunterbringung hätten. Das kann uns nicht zufrieden sein lassen. Noch immer kommen 300 bis 400 Schutzsuchende im Monat hinzu. Das ist so viel wie eine große Einrichtung.“ 

In diesem Winter sorgen stattdessen die Obdachlosen für Schlagzeilen. Melanie Leonhard hat eine klare Meinung, wenn es um Bettler geht, die in Osteuropa einen festen Wohnsitz haben: „Wer extra für das Winternotprogramm eingewandert ist, hat hier keine Perspektive und ist in der Wohnungslosenhilfe falsch, das muss man klar sagen.“ Dass die Menschen, die im Winter in die Unterkünfte kommen, morgens wieder auf die kalte Straße geschickt werden, verteidigt sie: Das diene auch zur „Aktivierung“ der Hilfesuchenden; Probleme mit Gewalt und Alkohol könnten in der Gemeinschaft in den Unterkünften nicht gelöst werden.

Nothilfe für Obdachlose mit einer Perspektivberatung 

Das Winternotprogramm biete jedoch zugleich eine Gelegenheit, sich verstärkt um die Obdachlosen zu kümmern, etwa durch Beratungsgespräche: „Wir helfen denen, die den Einstieg in den Ausstieg der Wohnungslosigkeit wollen. Die Unterstützung gegen Not und Erfrieren verknüpfen wir im positiven Sinn mit einer Perspektivberatung.“ Ein Vergleich mit anderen Städten, etwa Berlin, zeige zugleich, dass Hamburg die Unterkünfte mit den längsten Öffnungszeiten besitze und mit mehr Komfort, etwa durch Räume für Männer, Frauen und Paare.

Von ihrem Büro im zehnten Stock der Behörde an der Hamburger Straße hat die Sozialsenatorin einen weiten Blick über die Stadt. Auf dem Sideboard steht ein Modell des Herbert-Wehner-Hauses der SPD Harburg und ein Engel aus Holz. Nachdenklich nimmt Melanie Leonhard ihn in die Hand. Der Glaube habe sie in ihrem Leben bisher immer begleitet, sagt sie. Zur Amtskirche habe sie hin und wieder ein kritisches Verhältnis; manchmal habe sie sogar darüber nachgedacht, aus der Kirche auszutreten. „Zum Glück habe ich es nicht getan.“ Auch den Glauben habe sie mal kraftspendend, dann wieder voller Zweifel erlebt. „Aber der Glaube selbst war nie ein Thema.“

Text u. Foto: Monika Sendker