12.07.2017

Interview mit Annette Schavan, deutsche Botschafterin in Rom.

„Schaut auf die Wirklichkeit!“

Annette Schavan, deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl in Rom, war zu Gast beim Sommerfest des Erzbischöflichen Amtes Kiel. Sie lernte auch die Diaspora kennen, etwa bei einem Besuch der Kieler Gemeinde St. Heinrich. 

Ministerpräsident Daniel Günther und Annette Schavan beim Sommerfest in Kiel
Ministerpräsident Daniel Günther und Annette Schavan beim Sommerfest in Kiel.  Foto: Ralf Adloff

Sie leben in Rom, jetzt ein Tag in Kiel, mitten in der Diaspora. Eine ganz fremde Welt? 

Nein, ich habe ja schon einige Jahre in Berlin gelebt. Trotzdem war Kiel für mich sehr eindrucksvoll. Dass eine Gemeinde Obdachlose und Arme begleitet, Tag für Tag, das ist schon bewegend. Mich erinnert so etwas an die Anfänge der Kirche: Sie kamen zusammen und wussten um die Armen unter ihnen. Und ich wusste nicht, dass es in Kiel diesen leuchtenden Flügelaltar von Sieger Köder gibt. Beides, der Dienst an den Armen und das spirituelle Element in ganz schlichter Umgebung, das hat mich berührt. 

Gerade ist Ihr Parteifreund Daniel Günther Ministerpräsident geworden. Fiebern Sie nach drei Jahren als Botschafterin noch mit in der deutschen Politik? 

Ein politischer Mensch schaltet nicht einfach den Knopf ab. Man nimmt Konkretes aus der Ferne vielleicht mit einer größeren Gelassenheit wahr. Aber ich habe mich über die Wahl von Daniel Günther schon sehr gefreut. Ich habe ihn im vergangenen Oktober in Rom kennengelernt, wo er gemeinsam mit Ministerpräsident Albig zu Gast war. In Schleswig-Holstein ist es bestimmt interessant, dass er katholisch ist. Aber er ist vor allem ein dialog­fähiger Mensch, ein Brückenbauer. Diese Eigenschaft ist heute wichtiger denn je. Wer heute Politik macht, muss Menschen zusammenhalten können. 

Das ist ja auch die entscheidende Aufgabe des Papstes. Sie sind ganz nahe dran… 

Ja, ich treffe ihn ungefähr zweimal im Monat, meistens mit Gesprächspartnern und Gästen aus Deutschland, die ich begleite. 

Zum Beispiel Bundeskanzlerin Merkel. Sie war erst im Juni beim Papst. 

Ja, es war der vierte Besuch seit Amtsantrtitt von Papst Franziskus. Die beiden haben ein unkompliziertes, herzliches Verhältnis zueinander entwickelt. Wie man so sagt: Da stimmt die Chemie. 

Der Papst hat auf viele Menschen eine solche Wirkung. Warum ist das Petrusamt heute überhaupt noch so interessant? 

In einer Welt, in der so vieles fragil geworden ist und auseinander bricht, da gibt es ein Amt, das im Dienst der Einheit steht. Und Papst Franziskus füllt dieses Amt in einer Weise aus, die uns mitnimmt. Er sagt uns: Fangt an zu glauben, statt nur zu erklären! Besetzt nicht Räume, sondern öffnet sie.
Haltet euch nicht nur fest an Ideen, schaut auch auf die Wirklichkeit! Identifiziert euch mit den Nöten der Menschen! Sucht nicht immer nur die Stabilität, sondern geht an die Ränder! Verbindet euren Glauben mit der Aufmerksamkeit für die Würde der Menschen! Der Papst wirkt durch solche Impulse prägend – auch auf Menschen, die der katholischen Kirche nicht angehören. 

Auch im Vatikan wird Politik gemacht. Kardinal Müller ist gerade entlassen worden. Stimmt die Rede von einem Machtkampf in der Kurie? 

Bei solchen Fragen gilt die Empfehlung an Botschafter: In sechs Sprachen schweigen! Aber ich sehe das auch nicht so dramatisch: Wie überall dort, wo sich etwas entwickelt, gibt es diejenigen, die davon begeistert sind; es gibt die, die es falsch finden; und die, die erst mal abwarten. Es spielt sich da im Vatikan nichts Ungewöhnliches ab. Ein anspruchsvoller Chef – und das ist der Papst – löst unterschiedliche Reaktionen aus. Das muss auch sein, damit etwas in Bewegung geraten kann. 

Anspruchsvoll ist der „Chef“ gegenüber der ganzen Kirche. Papst Franziskus will tätige, weltoffene Christen. Erwartet er eine Richtungsänderung in der deutschen Kirche? 

Ich glaube, dass Papst Franziskus sich vor allem an jeden Einzelnen wendet, weniger an Institutionen. Die Frage ist: Wie verändert sich das Leben von Christen? Wenn es sich ändert, dann auch die Institution Kirche. Umgekehrt ist das eher selten der Fall. Um es ganz kurz zu sagen: Der Papst ermutigt uns zum Glauben. Und wir sollen uns damit beschäftigen, was das in unserer Gegenwart heißt. Und wie wir verständlich machen, dass wir nicht nur eine übrig gebliebene Nische bewohnen in einer Welt, die ansonsten woanders ist. 

Eine überraschende Entscheidung gab es über die „Ehe für alle“. Sind Sie als Botschafterin ins Staatssekretariat zitiert worden, wie es bei diplomatischen Konflikten üblich ist?

Nein. 

Wird denn eine solche Entscheidung in Rom zur Kenntnis genommen? 

Ich glaube, man weiß im Vatikan: Wir stehen mit der Abstimmung erst am Anfang einer Debatte, die noch zu führen ist. Und zwar in Deutschland: Wie passt der parlamentarische Beschluss über die „Ehe für alle“ mit dem Grundgesetz zusammen? Was wollten die Mütter und Väter des Grundgesetzes überhaupt, als sie die Ehe unter den Schutz des Staates stellten? Und was meint die Kirche, wenn sie vom Sakrament der Ehe spricht? Dieser Frage sollten wir erst einmal unaufgeregt nachgehen.

Sicherlich gibt es auch Wünsche der Bundesregierung an den Vatikan. Welche zum Beispiel? 

In erster Linie geht es bei unseren regelmäßigen Gesprächen um andere Themen. Zum Beispiel um Kirchenverträge und ihre Umsetzung. Der Vatikan hat da vor allem ein großes Interesse an allen Fragen der Bildung, der Schule, des Religionsunterrichts. 

Erwartet Deutschland vom Papst auch mehr Rücken­deckung in der Flüchtlingspolitik? Klare Worte gegenüber denen, die sich in der EU quer stellen? 

Dass Papst Franziskus keine klaren Worte spräche, darüber können wir uns wahrlich nicht beklagen. Der Papst hat immer wieder gesagt: In der Flüchtlingsfrage schlägt die Stunde der Wahrheit. Wir Europäer müssen zeigen, ob wir für unsere Werte Toleranz, Solidarität oder Würde der Menschen einstehen. Ist das alles nur Dekoration, ober ist es uns ernst damit? Die deutsche Politik zumindest weiß: Wer immer sich zu einer Willkommenskultur bekennt, hat in diesem Papst einen Verbündeten – und auch in den katholischen Gemeinden.

In der Frage der Rolle der Frauen, der kirchlichen Ämter für Frauen, da liegen die Anschauungen der deutschen ­Gesellschaft mit der katholischen Kirche besonders weit auseinander. Sehen Sie in Rom Bewegung? 

Der Papst hat schon mehrfach gesagt: Die Frauen in der Kirche sind wichtiger als die Priester. Nun schauen wir mal, was sich daraus entwickelt. Es gibt jetzt die Arbeitsgruppe, die über die Diakoninnen in der frühen Kirche arbeitet. Ich bin selbst neugierig, was sich da an neuen Wegen eröffnet – und ob sich das in den bekannten Strukturen entwickelt oder etwas ganz anderes entsteht. 

Und was wünschen Sie sich persönlich? 

Dass die Kirche Wege findet, wie sie vor Ort lebendig bleiben kann und nicht nur über die Zusammenlegung von Gemeinden sprechen muss. 

Interview: Andreas Hüser