19.02.2015

Auftakt-Tag zum Entwicklungsprozess für den Pastoralen Raum im Hamburger Westen

„Schauen Sie auf den Inhalt!“

Entwicklungsprozess des „Pastoralen Raumes im Hamburger Westen“. Zum offiziellen Auftakt kamen 150 Menschen aus den beteiligten Gemeinden.

Austausch in der Mittagspause (v. l.): Susanne Drexl, Winfried Hollah und Volker Schneider.  Foto: Kristian Stemmler

Die Sonne scheint durch die Fenster in den Saal des Gemeindehauses der Christuskirche Othmarschen. Lautes Gemurmel erfüllt den Raum. Rund 150 Menschen haben sich an 17 Tischen zusammengesetzt und sind gespannt, was sie erwartet. Die Stimmung ist gelöst, trotz vorhandener Sorgen und Fragen.

Angesichts des Priestermangels, zurückgehender Mitgliedszahlen und gesellschaftlicher Veränderungen wurde bekanntlich 2009 im Erzbistum Hamburg damit begonnen, die Pfarreien nach und nach zu Pastoralen Räumen umzuformen. Im Hamburger Westen hat dieser Prozess Anfang des Jahres begonnen, der Pastorale Raum umschließt dort die Gemeinden St. Bruder Konrad Osdorf/Lurup, Maria Grün Blankenese, St. Marien Altona, St. Paulus-Augustinus Groß Flottbek und St. Petrus Finkenwerder.

Aus allen fünf Gemeinden sind an diesem Sonnabend Menschen nach Othmarschen gekommen. „Es geht uns heute um das gegenseitige Kennenlernen, darum, Vertrauen aufzubauen“, sagt Diakon Tobias Riedel, der Moderator des Prozesses. Wichtig sei dabei, dass der Aufbau eines Pastoralen Raumes eben nicht nur eine Neustrukturierung sei, sondern auch ein „geistliches Fermentieren“.

„Erwecke deine Kirche und fange bei mir an“

Damit das mit dem Kennenlernen auch funktioniert und die Besucher sich nicht nach Gemeinden gruppieren, verteilen schon an den Türen Helfer Tischnummern. Und das klappt: An den so zusammengewürfelten Tischen kommen die Besucher gleich ins Gespräch. Ruhig wird es erst, als Pfarrer Dr. Thomas Benner, Leiter des Entwicklungsprozesses, die Gäste begrüßt und mit ihnen betet: „Erwecke deine Kirche und fange bei mir an.“

Mit grundlegenden Informationen zum Thema versorgt dann der Geistliche Rat Georg Bergner, Leiter der Pastoralen Dienststelle im Erzbistum, das Auditorium. Die Verlockung sei groß, sich als Erstes mit Fragen des Personals, der Gebäude und ähnlichem zu befassen, sagt er, aber anderes sei wichtiger: „Schauen Sie auf den Inhalt!“

Bergner mahnt Anpassungen „hinsichtlich einer zeitgemäßen Pastoral“ an und erinnert daran, dass die Seelsorge seit 40, 50 Jahren mehr oder weniger unverändert fortbestehe. Er illustriert das an einem Beispiel. Wenn das Pub-likum ein neues geistliches Lied nennen solle, falle vielen sicher „Danke für diesen guten Morgen“ ein – „das ist aber 50 Jahre alt“. Mit solchen Liedern könne man zum Beispiel Jugendliche kaum noch erreichen.

Mit einigen Fakten und Zahlen macht der Referent den Zuhörern klar, warum an den Pastoralen Räumen kein Weg vorbei führt. „Wir können die 80 Pfarreien nicht halten“, betont er. Dann sei seit der Gründung des Erzbistums 1995 die Zahl der Gottesdienstbesucher um etwa 35 Prozent zurückgegangen, die Zahl der Trauungen und Beerdigungen um etwa 25 Prozent und die der Taufen um 15 Prozent.

„Innere Beweglichkeit“ der Gemeinden einfordern

Bergner zitiert das erste Apos-tolische Schreiben von Papst Franziskus „Evangelii Gaudium“, in dem Franziskus die Kreativität und „innere Beweglichkeit“ von Pfarrern und Gemeinden eingefordert und von ständiger Erneuerung und Anpassung gesprochen hat. Der Geistliche Rat ruft eindringlich dazu auf, jenen Menschen Angebote zu machen, die zur Kirche gehören, aber nicht oder kaum aktiv seien. Es sei eine Gefahr, sich nur auf die wenigen zu konzentrieren, die in der Gemeinde aktiv und bekannt seien.

Beim anschließenden Mittagsimbiss mit einer kräftigen Kartoffelsuppe wird das Gehörte an Stehtischen diskutiert, werden Kontakte geknüpft und vertieft. Volker Schneider aus St. Paulus-Augustinus findet die Veranstaltung „sehr spannend“. Er ist optimistisch, was den weiteren Prozess angeht. Dass Personal in nennenswertem Umfang abgebaut wird, glaubt er nicht. Winfried Hollah aus Maria Grün lobt den Ansatz, das Inhaltliche in den Vordergrund zu stellen.

Nach der Pause ist es die Aufgabe von Thomas Benner, den Zuhörern zu erklären, was konkret auf sie zukommt. Er sei selbst nicht sicher, was am Ende stehe, räumt er ein: „Aber wir gehen mutig voran.“ Man gehe jedenfalls in einen „langwierigen Verständigungsprozess“, an dessen Ende ein verbindlicher pastoraler Plan festgelegt werde, den man dann dem Erzbischof vorlege. 

Sicher sei, so Benner weiter, dass nicht alle Angebote an allen Standorten erhalten werden könnten. Das sei aber auch eine Chance zur Profilierung. So könne man an einem Standort, der kirchenmusikalisch hervorgetreten ist, zwei Kirchenchöre konzentrieren und damit die Kirchenmusik im Pastoralen Raum insgesamt stärken. An einem Standort könne die Familienarbeit konzentriert werden, an einem anderen die Jugendarbeit. Auf der Ebene des Pastoralen Raumes, so erklärt Benner, würden sich Gemeinden und die alle anderen Orte kirchlichen Lebens ergänzen. Sie könnten zusammenarbeiten und Projekte vereinbaren.

Nach so viel Information geht es am Nachmittag dann noch um das Eigentliche, um eine „geistliche Ermutigung“ in Bibelgruppen, bevor alle zur Abschlussandacht in die benachbarte Christuskirche umziehen. Susanne Drexl, die sich in der Gemeinde Maria Grün ehrenamtlich engagiert, geht mit großen Hoffnungen in den beginnenden Prozess, auch wenn sie die Gefahren sieht. „Beten wir mal, dass es kein Hauen und Stechen wird – aber ich denke, wir kriegen das hin.“

Text und Foto: Kristian Stemmler