15.04.2015

Abschied von Günter Grass, einem der großen Schriftsteller unserer Zeit – Erinnerungen an einen Autor, wie man ihn nicht aus den Feuilletons kennt

„Hören Sie auf, mich immer zu segnen!“

Mit dem am Montag verstorbenen Günter Grass verliert die Bundesrepublik einen großen Schriftsteller und streitbaren Geist. Wie er ihn erlebte, darüber berichtet der Neubrandenburger Pfarrer Felix Evers, der Grass aus seiner Zeit als Pfarrer in Ratzeburg und Mölln gut kennt.

Trafen sich häufig, um Veranstaltungen vorzubereiten (von links): Birgit Barlach, Pfarrer Felix Evers,
Gudrun Pflocksch vom Barlach-Förderverein, Günter Grass und Ernst Barlach.   Foto: Privat

Günter Grass unterstützte mit seinen Lesungen jahrelang den Förderverein Ernst-Barlach-Museum „Altes Vaterhaus“ in Ratzeburg, dessen Vorsitzender ich mehrere Jahre lang sein durfte, und bereicherte den Ökumenedialog. Mit dem Enkel des Künstlers Ernst Barlach und seiner Ehefrau und der stellvertretenden Vorsitzenden des Barlach-Fördervereins, Gudrun Pflocksch, traf sich Grass viele Jahre lang regelmäßig zum Austausch und zur Vorbereitung von Schülergesprächen, Lesungen und Besuchen in seinem Behlendorfer Atelier.

Wenn wir im Ratzeburger „Hansahotel“ zu Abend aßen, stand ein Aschenbecher an seinem Ehrenplatz bereit – und das Schild hing an der Eingangstür: „Hier dürfen nur Helmut Schmidt und Günter Grass rauchen!“ 

„Hören Sie auf, mich immer zu segnen!“ So wehrte er in seiner stets liebevollen, selbstironischen Art meine klerikalen Begrüßungs- oder Abschiedsworte ab; denn allzu oft sagte ich zu seiner Ehefrau Ute und ihm: „Gesegneten Abend, verehrtes, liebes Ehepaar Grass!“ So auch am Nikolausabend vor zwei Jahren, als ich Barlachs „Lehrenden Christus“ in der Ratzeburger Petrikirche dem Ehepaar Grass vorstellte, aus der Vita des Heiligen erzählte und den Bogen zum Literaturnobelpreisträger schlug. Seine Erwiderung war: „Da musste ich 85 Jahre alt werden, damit mich Pfarrer Evers mit dem heiligen Nikolaus vergleicht!“ Für mich war es ein kleines Wunder, dass ich nach meinem Deutschabitur 1990 in Kronshagen meinem Abiturthema „in persona“ so ungezwungen und vertraut begegnen durfte. 

Keine Anfrage ließ er unbeantwortet; jede Lesung nahm er bis zuletzt wahr; jedes Werk signierte er bereitwillig – so findet sich in meinem Abschiedsgeschenk seine Widmung: „Für Felix Evers, den ich vermissen werde, auf seinem Weg in den heidnischen Osten, herzlich Ihr Günter Graß“ (wobei man wissen muss, dass er stets seinen Nachnamen mit „-ß“ unterschrieb und nie mit „-ss“!). Seinen Austritt aus der katholischen Kirche begründete Grass mit der damaligen Beichtpraxis: „Das musste ich loswerden.“ Das verband ihn mit meiner Mutter, die als Kind auf Fehmarn durch Kirche Angst-, Schuld-, Scham- und Mindergefühle eingejagt bekam. „Aber es hat sich doch schon so viel gebessert“, erwiderte ich oft. Aber an diesem Punkt blieb Grass bei seiner Entscheidung und berichtete mir, dass auch nach seinem Austritt aus der geliebten SPD (nach dem Asylkompromiss vor über 20 Jahren) niemand reagiert hätte – „Sie sind scheinbar der Einzige, den es überhaupt interessiert.“ Trotz seines Kirchenaustritts genoss ich das Privileg, als „sein zuständiger Hausgeistlicher“ über seine liebenswerte Sekretärin, Hilke -Ohsoling, anrufen zu lassen, klingeln zu dürfen und „einfach so“ über Gott und die Welt zu plaudern. Beinahe hätte ich ihn sogar überredet, eine Rubrik „Auf eine Zigarre mit Günter Grass“ zu wagen, was sein Gesundheitszustand nicht mehr zuließ. Zu seiner Bescheidenheit und Demut gehört, dass seine Beisetzung – nach der öffentlichen Trauerfeier in Lübeck – auf dem kleinen Behlendorfer Friedhof der evangelischen Kirche erfolgen wird. „Was soll denn auf Ihrem Grabstein stehen?“, fragte ich ihn einmal. „Hier liegt unbehandelt Günter Grass!“, antwortete er ironisch. Denn allzu oft habe man ihn früher von seiner zu engen Mutterbindung lösen wollen. Und er zitierte das nachstehende Gedicht.

Ich verdanke Günter Grass viele unvergessliche philosophische Abende, die mich in meinem Glauben gestärkt haben.

Text: Felix Evers