04.01.2017

Zwei Blinde lassen von Jesus nicht ab – eine Geschichte für das neue Jahr

„Glaubt ihr, dass ich euch helfen kann?“

Im Matthäusevangelium wird von zwei Blinden am Wegesrand berichtet, die zu Jesus kamen. Er fragte sie: „Glaubt ihr, dass ich euch helfen kann?“ (Matthäus 9,28)

Gemälde von El Greco: Jesus heilt zwei Blinde, während die Jünger im Hintergrund streiten.

Blindheit ist ja nicht nur eine medizinische Diagnose. Es gibt auch die „Blindheit des Herzens“. Es gibt das „Sehen und Nicht-Verstehen“, sogar das „Über-alles-Reden und Von-nichts-eine-Ahnung-haben“. Um aber vom Moralischen wegzukommen: Wo liegt meine Blindheit? Mein Unheil-Sein? Was ist meine tiefste Bedürftigkeit? 

Oder ins Positive gewendet: Was ist meine tiefste Sehnsucht? Wage ich, diese Sehnsucht in mir aufsteigen zu lassen, auch dann, wenn diese zuerst fragwürdig erscheint? Keiner erhebe sich über den anderen, keiner erniedrige sich unter die anderen! „Blinde“ sind wir alle. Das verbindet uns. Die Frage ist: Gibt es in unserem Leben einen Adressaten, dem wir zurufen können, nicht nur in der vorformulierten Sprache eines Rituals, sondern aus der Tiefe unseres Herzens: „Erbarme dich meiner! Reiß mich heraus aus meiner Dunkelheit. Hol mich von der Straße an den Tisch.“ 

So bitten wir vielleicht. Und doch, Jesus scheint oftmals weiterzugehen. Es ist manchmal ein Kreuz mit unserer Kirche, in der verschiedene Grundsätze von Theologien so sehr aufeinander-stoßen, dass eine Verständigung nicht mehr möglich zu sein scheint. Weshalb bleibt man „seiner“ Kirche trotzdem treu? Zum einen, weil es in der Vergangenheit und Gegenwart Menschen in dieser Kirche gab und gibt, an denen man sich orientieren kann, und weil der Glaube grundsätzlich über Menschen geht! Zum anderen, weil ich seit Kindertagen Jesus liebe, und weil ich im letzten nur durch „meine“ Kirche von Jesus erfahren habe. Sie ist trotz allem immer Heimat, wenn auch manchmal eine spröde, unwirtliche, rauhe, windige, ja kalte Heimat. 

„Jesus ging vorüber.“ Die beiden Blinden bleiben ihm trotzdem hartnäckig auf den Fersen und rufen hinter ihm her. Dieses Trotzdem-Folgen ist der spannende Moment. Sie folgen ihm, obwohl sie ihn nicht sehen, obwohl sie sich nach dem Geräusch der Schritte orientieren müssen. Sie lassen sich nicht beirren dadurch, dass Jesus nicht auf sie zu hören scheint. 

So kann es zur entscheidenden Frage kommen: „Glaubt ihr, dass ich euch helfen kann?“ Glaubt ihr, dass ich die Blindheit eures Herzens erlösen kann, zu neuem Sehen? Der Anfangsglaube der beiden Blinden wandelt sich zu einer wirklichen Offenheit. „Als Jesus vorüberging“, laufen die beiden hinter ihm her und schreien. Aber er geht weiter, scheint sich nicht zu kümmern. Ist dieses „Weitergehen“ Jesu nicht wie eine Erprobung unseres Glaubens? Eine Erprobung, wenn wir denken: Er müsste doch jetzt stehenbleiben und helfen!

Jesus geht vorüber. Er ist nicht für alles und jedes einzuspannen. Was ist, wenn sich beispielsweise
unsere Träume vom „christlichen Abendland“ als Illusion erweisen? Wenn wir Abschied nehmen müssen von alten, tief sitzenden Leitbildern. Wenn uns stattdessen ideologische und räumliche Diaspora zugemutet wird? „Glaubst du, dass ich euch helfen kann?“ Ich höre diese Frage Jesu auch auf das Jahr 2017 hin: Glaubst du, dass trotz der tödlichen Gefahren, die der Welt drohen, trotz der Ungerechtigkeit, trotz der Starrheit eures Herzens, dass dennoch jemand da ist, der die Welt letztlich hält? 

Georges Bernanos hat schon vor Jahrzehnten die Zeitgenossen, die das Christentum für erschöpft hielten, zurechtgewiesen, indem er sagte: „Das Evangelium ist jung, nur ihr seid alt!“ Wenn wir auf die entscheidende Frage Jesu antworten könnten: „Ja, Herr, ich glaube!“, dann würde unser Alltag zwar derselbe bleiben, aber doch anders werden. Wir würden alle Dinge in einem neuen Licht sehen. Das wäre dann ein kleines „Wunder im Alltag“, das ich Ihnen von Herzen im neuen Jahr wünsche!

Text: Matthias G. Hagenhoff