10.08.2016

Die jüdische Dichterin Gertrud Kolmar begegnet Maria

„Ein Liebeswort aus Gottes Munde“

Was hatte die Jüdin Gertrud Käthe Chodziesner mit der Gottesmutter Maria zu tun? Eigentlich nichts. Sie wisse eigentlich wenig vom Neuen Testament, schrieb sie 1941, zwei Jahre bevor sie in Auschwitz ermordet wurde. Und doch hat sie das erste Gedicht ihres ersten Gedichtbandes der Gottesmutter gewidmet. 

Es erschien 1917 unter dem Pseudonym Gertrud Kolmar. Gertrud Kolmar war zu Lebzeiten wenig bekannt: Heute gilt sie als eine der größten deutschen Dichterinnen ihrer Zeit, und auch das Gedicht „Maria aus dem Hause Tempi“ (siehe unten) kann in seiner emotionalen Kraft zu den eindrucksvollsten Mariengedichten gezählt werden, die je geschrieben wurden. Dabei teilte die jüdische Dichterin nicht die christliche Lehre von Maria als „Gottesgebärerin“. „Ich knie nicht vor der Himmelskön’gin Thron“, so endet das Gedicht; genau genommen knien auch Christen nicht vor einem solchen Thron, wenn sie die Mutter des Herrn verehren. Gertrud Kolmar bezieht sich auf ein Madonnenbild des Renaissance-Malers Raffaelo Sanzio (1483 –1520). So steht es im Titel. Raffael hat allein in seiner Zeit in Florenz (1504 –1508) 17 Marienbilder gemalt. Alle waren revolutionär. Denn Raffael malte nicht ein theologisches Programm wie noch die Künstler des Mittelalters. Er malte ein Kind mit seiner Mutter, so wie Kinder und Mütter sind. Jesus hat da reichlich Babyspeck. 

Wahrscheinlich hat sich Gertrud Kolmar aber geirrt. Die im Gedicht beschriebene Blume und die „rosa Händchen“ sind bei der Tempi-Madonna gar nicht zu sehen, aber in der Loreto-Madonna. 

Raffaelo Sanzio:
Madonna von Tempi (1508)
Raffaelo Sanzio:
M
adonna mit Nelken (1506)

Egal, der italienische Maler des 16. Jahrhunderts und die jüdische Dichterin des 20. Jahrhunderts haben etwas gemeinsam: Sie stellen – einmal im Bild, einmal im Wort – die Liebe zwischen Jesus und Maria dar. Es ist keine Liebe der Anbetung oder Gottesfurcht, es ist ganz einfach das „Alltäglich Wunder in der Welt Getriebe“, die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. 

Gertrud Kolmar legt ihre eigene Sehnsucht und unerwiderte Liebe in diese Beschreibung. Das, was sie in Raffaels Bild sieht, hat sie selbst nie erfahren. Als Kind fühlte sie sich ungeliebt, in ihren Gedichten geht es fast immer um Verluste, Einsamkeit, unerfüllte Sehnsucht, zerrissene Beziehungen. Als 20-Jährige hatte sie eine Liebesbeziehung mit einem Offizier. Gertrud wurde schwanger, ließ das Kind abtreiben, es folgte die Trennung. Das getötete Kind, die Schande der Schwangerschaft, das hat Gertrud Kolmar in ihren Gedanken nie losgelassen. In ihren Gedichten kehrt das Ereignis wieder, zusammen mit Selbstmordgedanken. 

„Es ist doch Nacht. / Und ist ein Ding, das Schande heißt. /Ich darf dich nicht gebären. / Ich weiß den Schnellzug, der den Wald zerreißt. / Dem geh’ ich zu an seinen blanken Gleisen / Und werde müd’ und leg’ mich froh zu Bett / Quer auf zwei flache Stäbe Eisen.

Zwei Jahre später schrieb sie das Mariengedicht. Man muss es vor dem Hintergrund der eigenen gescheiterten Mutterschaft lesen. So eine Mutter wie Maria auf Raffaels Bildern, in denen die Liebe greifbar wird, wäre sie gern gewesen. Sie sehnt sich danach, und sie erkennt, worum es in diesem christlichen Urbild geht. Dargestellt wird das „lebend Liebeswort aus Gottes Munde“, die Liebe zwischen Gott und Mensch. Dass dieses Liebeswort Gottes auch sie selbst einschließen könnte, hat Gertrud Kolmar wahrscheinlich nicht erfahren.

Aber ihrem Vater zuliebe blieb sie 1933 in Deutschland, während die Geschwister emigrierten. 1938, nach der Pogromnacht, wurden ihre Bücher verboten und eingestampft. 1941 musste sie als Zwangsarbeiterin für die deutsche Rüstungsindustrie arbeiten. 1943 wurde sie im Zuge des so genannten 32. Osttransports mit 1500 Berliner Juden nach Ausschwitz verschleppt und vermutlich sofort nach der Ankunft am 3. März in der Gaskammer ermordet.

Text: Andreas Hüser