16.08.2017

Eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft

„Ein Geschenk des Himmels“

Es ist eine ungewöhnliche Wohngemeinschaft: Der pensionierte Pfarrer Gerhard Gerding teilt sich sein Haus in Henstedt-Ulzburg neuerdings mit zwei katholischen Flüchtlingen aus Eritrea.

katholische Flüchtlinge aus Eritrea leben im Haus eines pensionierten Pfarrers
Vereint um einen Tisch: Yosief Hbtzghi (l.), Pfarrer i.R. Gerhard Gerding und Fikremariam Okbamichael (r.). Den Kontakt vermittelte Manfred Pleus (ganz links).  Foto: Klaus Böllert

Sein Leben lang hatte Pfarrer Gerhard Gerding (73) junge Menschen um sich. Er war Religionslehrer in Lübeck, Dekanats- und Stadtjugendseelsorger, später Schulseelsorger an der Sankt-Ansgar-Schule, zuletzt war er 20 Jahre Pfarrer in Reinbek. Im Pfarrhaus saß er mit jungen Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr ableisten, und mit Zivildienstleistenden am Tisch. Im Ruhestand zog er vor eineinhalb Jahren in ein Reihenhaus in Henstedt-Ulzburg. Und fühlte sich, wie sich viele Menschen fühlen, die allein in großen Häusern wohnen, weil die Kinder aus dem Haus sind, der Partner vielleicht gestorben: Er fühlte sich allein.

Aber dann änderte sich das Leben von Gerhard Gerding wieder: „Dann sind mir die beiden jungen Leute gekommen wie ein Geschenk des Himmels.“ Die beiden jungen Leute, das sind Fikremariam Okbamichael (23) und Yosief Hbtzghi (22). Zwei katholische Asylbewerber aus Eritrea. Sie haben die Flüchtlingsunterkunft in Norderstedt sehr gerne gegen die Wohngemeinschaft mit dem Priester getauscht. Zusammengebracht hat sie Manfred Pleus. Der Gemeindereferent in St. Katharina von Siena hatte die beiden Eritreer nach dem Gottesdienst vor der St. Hedwigs-Kirche getroffen und den Kontakt geknüpft. 

Auf der Flucht vor dem brutalen Militärdienst

Die beiden Eritreer genießen das Leben in Freiheit. Ein Leben, das sie aus ihrer Heimat nicht kennen. In Eritrea in Ostafrika lebten sie in einem 300 Einwohner Dorf. Gemeinsam haben sie sich dort auf die Flucht begeben. Sie flohen wie viele junge Männer vor dem brutalen Militärdienst. Über Äthiopien, den Sudan, Libyen und über das Mittelmeer ging es nach Italien. Vor eineinhalb Jahren kamen sie in Deutschland an. Das lässt sich in wenigen Sätzen erzählen, aber für die Gefühle, die Angst, den Schmerz finden sie noch keine Worte. In Gedanken sind sie noch oft in ihrer Heimat, denn beide sind verheiratet, ihre Frauen leben noch immer dort. „Wir hoffen, dass wir bald eine gute Ausbildung und Arbeit haben“, sagt Yosief Hbtzghi.

Ein neues Zuhause haben sie nun unter einem Dach mit Gerhard Gerding. Jeder hat ein eigenes Zimmer. Küche, Wohnraum und Terrasse werden gemeinsam genutzt. Und Pensionär Gerding hat wieder eine Aufgabe: Er kann wieder Lehrer sein! Bei den gemeinsamen Mahlzeiten und darüber hinaus. Und das so erfolgreich, dass Yosief schon Pläne macht. Er möchte Elektriker werden.

Wie früher mit ihren Familien beten die beiden Eritreer nun wieder regelmäßig zu Hause. Das sei sehr schön, sagt Fikremariam: „Wir kommen aus einem sehr religiösen Dorf und fühlen uns deshalb sehr wohl hier.“ Gerhard Gerding sagt, er bekomme viele Impulse für seinen persönlichen Glauben durch das Gottvertrauen der beiden.

Seinen eigenen Vater habe er nicht kennen gelernt, erzählt Yosief Hbtzghi, er sei kurz nach seiner Geburt im Krieg gestorben. Jetzt habe er in Deutschland mit Manfred Pleus und Gerd Gerding zwei Menschen, die für ihn wie Ersatzväter seien: „Das Gefühl ist für mich ganz neu, weil ich nie einen Vater hatte.“ 

Natürlich sei es jetzt auch viel unruhiger als bisher im Haus, gesteht Gerhard Gerding. „Aber ich freue mich darüber.“ Ist dieses Konzept einer Wohngemeinschaft nicht auch eine gute Idee für andere Menschen, die in einer ähnlichen Lage sind? Gerhard Gerding möchte anderen das Modell nicht aufdrängen. Lieber betont er noch einmal: „Ein größeres Geschenk konnte man mir nicht geben.“

Text: Klaus Böllert / Monika Sendker