29.11.2013

Erzbischof Werner Thissen über Kirche, Papst, Ökumene und die eigene Zukunft

„Der Abschied fällt mir nicht leicht“

Seit Januar 2003 ist Werner Thissen Erzbischof von Hamburg. Knapp 400.000 Katholiken gehören zu Deutschlands flächenmäßig größter Diözese an. Am 3. Dezember erreicht der aus Kleve am Niederrhein stammende Thissen die für Bischöfe vorgeschriebene Altersgrenze. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur spricht er über Entwicklungshilfe, Rechtsextremismus, kirchliche Baustellen – und schlägt auch noch eine Flanke zu seinem Lieblingssport Fußball.

Herr Erzbischof Thissen, an Ihrem 75. Geburtstag wird Papst Franziskus knapp neun Monate im Amt sein. Wie hat sich Ihr Job unter dem neuen Chef verändert?

Es bewegt mich, dass ich in meiner Dienstzeit mit drei herausragenden Päpsten zu tun hatte. Johannes Paul II., der wesentlich am Abbruch des Eisernen Vorhangs beteiligt war, Benedikt XVI., dessen Bücher noch Generationen lesen werden, und dann Papst Franziskus. Ich bin ihm kürzlich erstmals begegnet. Unser Gespräch war so, als kennten wir uns schon Jahrzehnte. Der Papst hat eine äußerst menschliche, zugewandte Art.

Viele Menschen, auch außerhalb der Kirche, sehen enorme Aufbruchsignale durch Franziskus. Wo tut sich nach Ihrer Beobachtung etwas seit dem 13. März?

Dass er sehr viel hält von Kommunikation, zeigt sich auch innerkirchlich. Beispiel Bischofssynode 2014: Die hat der Papst unter das Thema Ehe und Familie gestellt und dazu Fragebögen rundgeschickt – nicht nur an die Bischöfe, sondern auch an diejenigen, die sich mit dem Thema am besten auskennen: Eheleute, Eltern. Das ist ein Stil, der mit Sicherheit die Beratungen intensivieren wird und damit auch andere Ergebnisse ermöglicht.

Und wenn die Experten aus der Praxis sagen, dass sie es überholt finden, wiederverheiratete Geschiedene weiter von den Sakramenten auszuschließen?

Dann werden die Beratungen in der Bischofssynode auf einer realistischen Basis stehen, bei der eben nicht von dem ausgegangen wird, was sein sollte, sondern vom Istzustand. Das heißt nicht, dass dieser die Norm ist, aber dass er bei den Überlegungen eine Rolle spielt.

Würden Sie – beflügelt von diesem frischen Wind aus Rom – gerne als Erzbischof in die Verlängerung gehen?

Ich gebe zu, dass mir der Abschied vom Dienst nicht leicht fällt. Dennoch halte ich für richtig, dass es eine Altersgrenze gibt. Die ist ja bei uns mit 75 schon sehr viel höher als anderswo. Auch werde ich das Wichtigste ja weiter tun: die Sakramente feiern, das Wort Gottes verkünden, seelsorgliche Gespräche führen. Und mit meinem Nachfolger will ich es halten wie mein Vorgänger Erzbischof Ludwig Averkamp: Der sagte damals zu mir: Ich tue als Alt-Erzbischof das, was Du für richtig hältst.
Ein Meilenstein Ihrer Zeit als Hamburger Erzbischof war die Seligsprechung und Ehrung der Lübecker Märtyrer, für die Sie sich besonders eingesetzt haben. Was haben diese vier Geistlichen beider Konfessionen, die von den Nazis für Ihren Widerstand ermordet wurden, den Menschen heute zu sagen?

Jeder Einzelne kann darüber nachdenken, was für ihn die wichtigste Botschaft der Lübecker Märtyrer ist: der spirituelle, der ökumenische oder der politische Aspekt. Für die meisten Lübecker damals waren die Fremdarbeiter in ihrem Denken weit weg. Heute sind für manche Zeitgenossen die Hungernden in Afrika weit weg. Da kann ich Verbindungen ziehen und mich zum Nachdenken anregen lassen.
70 Jahre nach Ermordung der vier Geistlichen wabert in Deutschland weiterhin rechtsextremes Gedankengut. Macht Ihnen das Sorge?

Es zeigt einfach, wie aktuell das Handeln der Lübecker Märtyrer ist: Sie haben deutlich gemacht, dass Menschenwürde und Menschenrechte ausnahmslos allen Menschen zukommen. Wir müssen immer weiter daran arbeiten, das in den Köpfen zu verankern.

Das ist auch Bestandteil Ihrer Arbeit als „Misereor-Bischof“, bei der Sie immer wieder den Missbrauch von Natur und Nahrungsmitteln, deutsche Waffenexporte oder die weltweite Armut anprangern. Was bringen solche Appelle?

Ich habe den Eindruck, dass sich ein Bewusstseinswandel bei uns vollzieht. Nehmen Sie die rege Debatte um die Arbeitsbedingungen in ausländischen Fabriken, wo Waren für den deutschen Markt produziert werden: Da kommt eine immer stärkere Sensibilität, ob hier menschenwürdige Bedingungen herrschen. Ein besonders sensibler Punkt ist die Frage der Waffenexporte. Da erhoffe ich mir von der neuen Bundesregierung, dass sie sich für ein grundsätzliches Verbot von Rüstungsexporten in Konfliktgebiete und jene Länder ausspricht, in denen die Menschenrechte systematisch missachtet werden. Denn nur durch zivile Konfliktlösungen kann Sicherheit und Frieden geschaffen werden.

Ein innerkirchlicher Konflikt, nämlich der Streit im Bistum Limburg, sorgt seit Monaten für eine breite gesellschaftliche Debatte. Wie kann die Kirche hier wieder Vertrauen zurückgewinnen?

Da gibt es nur einen Weg: die Offenlegung ihrer Finanzen. Damit haben einige Bistümer sofort angefangen. Das hat allerdings auch zu Missverständnissen geführt, da manche Rechnungslegungen in den Diözesen nach unterschiedlichen Methoden verlaufen. Aber ich bin sicher, dass alle Bistümer den Weg der Transparenz gehen und dadurch Vertrauen wiederhergestellt wird. Wir haben da nichts zu verbergen.

Schmerzen Sie die Vorgänge im Bistum Limburg?

Es tut schon weh, wenn wir in der Öffentlichkeit so vorgeführt werden, und wir sind es zum Teil auch selbst schuld. Wir hätten die Offenlegung der Finanzen längst betreiben müssen. Wir im Erzbistum Hamburg waren vor zehn Jahren die Ersten, die einen Geschäftsbericht veröffentlicht haben. Aber ich sehe jetzt, dass das nicht genug ist für das Interesse der Öffentlichkeit. Deshalb legen wir alles offen. Da aber jedes der 27 deutschen Bis­tümer eigenständige Ortskirche ist, kann kein Bischof dem anderen hineinreden.

Manche sehen in der Heftigkeit der Debatte ein Indiz für den generellen Bedeutungsverlust der Kirche innerhalb der Gesellschaft…
In Hamburg etwa machen alle christlichen Kirchen heute zusammen unter fünfzig Prozent der Bevölkerung aus. Damit ist klar, dass wir zur Zeit nicht die Menschenmengen bewegen können, wie das mal war. Wir müssen überlegen, was wir tun, damit sich das ändert. Auch da halte ich mich an Papst Franziskus, der sagt, Kommunikation ist wichtig. Das versuchen wir im Erzbistum Hamburg mit vielen Gesprächsforen zu den pastoralen Neustrukturierungen. Es ist ein mühsamer Prozess, aber er bringt uns einander näher und stärkt das Wir-Gefühl in der Kirche.

Als Hamburger Erzbischof haben Sie praktisch qua Amt das Thema Ökumene auf der Agenda. Bitte eine kurze Bilanz und eine Prognose!

Ich bin froh, dass wir hier im Norden ein sehr gutes Miteinander mit den vielen Kirchen haben. Beispiel Evangelischer Kirchentag 2013 in Hamburg. Da habe ich mich am Ende gefragt, ob wir überhaupt Ökumenische Kirchentage brauchen, wenn es auf jedem Kirchen- oder Katholikentag so zugeht wie bei uns in Hamburg. Generell halte ich mich auch beim Thema Ökumene an Papst Franziskus, der sagt, wir wollen vereint in den Unterschieden vorangehen. Es gibt keinen anderen Weg, um eins zu werden.

Laut Kirchenrecht müssen Sie mit Vollendung des 75. Lebensjahres dem Papst Ihren Rücktritt anbieten…

So ist es, und es ist vereinbart, dass der Rücktritt im neuen Jahr angenommen wird.

Wo werden Sie Ihren Ruhestand verbringen?

Selbstverständlich hier im Norden. Es ist nirgends schöner als hier mit all den Naturparks, Stränden und Kultureinrichtungen. Ich habe mich von Anfang an im Norden sehr zu Hause gefühlt, so dass ich jetzt hier bin und bleibe.

Worauf freuen Sie sich im Blick auf die Zukunft, als „Erzbischof emeritus“?

Ich habe ein schlechtes Gewissen meinen Verwandten und Freunden gegenüber. Die habe ich – vor allem aus Zeitmangel – vernachlässigt. Demnächst habe ich aber die Chance, Kontakte zu intensivieren und aufzufrischen. Darauf freue ich mich.

Welche Überschrift sollte ein Porträt über Sie tragen?

Auf den Gedanken bin ich noch nie gekommen, von mir ein Porträt zu schreiben. Das mache ich lieber über Woody Allen, dessen neuer Film mich sehr neugierig macht. Oder von Joachim Löw. Und dabei würde ich überlegen, wie wir nächstes Jahr in Brasilien endlich mal wieder Weltmeister werden können.

Sabine Kleyboldt (KNA)