04.11.2015

Eine ganz besondere Begräbnisstätte: Neue Krypta mit Beinkammer in St. Joseph eingeweiht

„Denke daran, dass du stirbst“

Als 2008 unter dem Altar der St. Joseph-Kirche auf der Großen Freiheit die „Katakomben von Altona“ wiederentdeckt wurden, war das eine Sensation. Inzwischen haben die Gebeine von rund 350 Menschen in einem Beinhaus ihre letzte Ruhe gefunden.

„Memento mori“ – „Denke daran, dass du stirbst“: Blick in die Beinkammer der Krypta unter der St. Joseph-Kirche in Altona. „Jesus Christus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben“ steht oben auf der Tür zur Beinkammer. 
Foto: Ralf Adloff

Zum Fest Allerseelen hat Pfarrer Karl Schultz das neue Beinhaus und die Krypta unter der Kirche gesegnet. Dass sich dabei die Menschen in dem engen Raum drängten, dass Medien über Hamburg hinaus von dem Ereignis berichteten, freut ihn: „Es zeigt das Interesse der Menschen.“ Denn das Thema Leben und Tod sei bis heute alles andere als gefällig. 

Mit einer Zurschaustellung der Toten habe die Begräbnisstätte nichts zu tun, betonte Schultz bei der Segnung, „Memento mori“ – „Denke daran, dass du stirbst“ – sei vielmehr das Motto in der Krypta. Ein Motto, für das auch das Archäologenteam von der „Forschungsstelle Gruft“ steht. 2008 begannen Dr. Regina Ströbl, Andreas Ströbl und Dana Vick mit den Ausgrabungen im Kellergewölbe von St. Joseph. Die Gebeine von rund 350 Menschen wurden in den vergangenen Jahren geborgen (die Neue KirchenZeitung berichtete ausführlich). Für die Ärchäologen war die Einrichtung des Beinhauses und die begleitende Ausstellung eine Herausforderung. „Im Gegensatz zu einer Bestattung in einem Massengrab auf dem Friedhof ist das Beinhaus eine wunderbare Möglichkeit, den Toten ihre letzte Ruhestätte dort zu geben, wo sie bestattet werden wollten – unter der St. Joseph-Kirche. Das soll hier keine Gruselshow sein, sondern ein würdiger Ort, an dem sich jeder seiner Sterblichkeit erinnert“, betont Dana Vick. 

Die im nordischen Raum wohl einmalige Begräbnisstätte wurde vom Erzbistum Hamburg unter der Regie von Dombaumeister Thomas Jochem in den vergangenen Jahren eingerichtet. Kosten in Höhe von 400 000 Euro hat das Erzbistum dafür übernommen, auch die Pfarrei St. Joseph beteiligt sich an den Kosten. 

Neben dem eigentlichen Beinhaus, das mit einer Glastür verschlossen ist, gibt es Schautafeln zur Geschichte von St. Joseph und zu den Ausgrabungsfunden. Ausgewählte Stücke und Grabbeigaben wurden dafür aufbereitet und ausgestellt. So ist eines der beiden Priestergewänder, die die Textil-
restauratorin Claudia Schillo wieder hergerichtet hat, ebenso zu sehen wie Eheringe, Kruzifixe, Teile von Rosenkränzen. Auch Kämme und Schwämme fanden sich einst in den Särgen: „Sie dienten zur Herrichtung der Toten und durften dem Volksglauben nach anschließend nicht mehr von Lebenden genutzt werden“ erläutert Anderas Ströbl. Sechs erhaltene Inschriftentafeln verraten die Namen der Bestatteten in den Särgen. Darunter befindet sich der Landschaftsmaler Johann Joachim Faber (1778–1846) und das Ehepaar Jeanne und César Lubin Claude Rainville, das im 19. Jahrhundert ein angesagtes Ausflugslokal am Elbhang betrieb. An den Ort erinnert heute die Adresse „Rainvillterrasse“. 

Es ist auch der Initiative von Msgr. Peter Schmidt-Eppendorf zu verdanken, dass 2008 die Katakomben wiederentdeckt wurden. Schon lange hatte der Gründer des Vereins für katholische Kirchengeschichte in Hamburg und Schleswig-Holstein sich mit den Toten, die unter der St. Joseph-Kirche begraben waren, beschäftigt. Gemeinsam mit dem damaligen Pfarrer Winfried Klöckner ließ er dann das erste Loch im Mauerwerk des Kellers bohren. 

Von 1719 bis 1886 wurde im Gruftgewölbe von St. Joseph bestattet. Viele katholische Emigranten, Adelige, Kleriker und Gesandte, die vor der Französische Revolution geflohen waren, wurden dort beigesetzt. Der bekannteste unter ihnen ist Kardinal Louis Joseph de Montmorency-Laval, der in Metz Bischof war und dessen Gebeine 1990 dorthin zurücküberführt wurden.

Ursprünglich standen 286 Särge in den fünf Gruftkammern. Als Bomben die Kirche 1944 zerstörten, wurde die Gruft ein Versteck für Schwarzmarkthändler und Plünderer. Die wertvollen Sargbeschläge und Inschrifttafeln wurden gestohlen, die Sargbretter dienten als Brennholz. Regenwasser sorgte dafür, dass die Särge zu schimmeln begannen. 

Mit dem Wiederaufbau der Kirche 1953 wurden die Reste der Särge und Gebeine dann unter der neuen Kirche eingemauert. Bei den Ausgrabungen stießen die Archäologen nun aber auch auf den ältesten Friedhof von St. Joseph, der die erste Kapelle 1660 umgab und auf dem die neue Kirche angelegt wurde. 

Pfarrer Schultz will künftig die Krypta mit dem Beinhaus in seine Pastoral der offenen Tür einbinden und für ausgewählte Veranstaltungen – Lesungen, Konzerte, Vorträge – öffnen. Der Charakter des Raumes soll dabei gewahrt bleiben. Ausgewählte Stadtführer sollen die Kirche und ihre Krypta ebenfalls einbeziehen können. Außerdem plant Schultz ein Projekt mit Achtklässlern der Katholischen Schule Altona, die Mitschülern die Geschichte von St. Joseph weitervermitteln sollen.

Text: Monika Sendker