10.12.2014

Im Oktober 1986 hat der heutige Papst Franziskus in Wandsbek zwei Jugendliche getauft

„Als ich in Deutschland war…“

Der Besuch in Hamburg war kurz, aber nachhaltig. Im Oktober 1986 hat ein argentinischer Jesuitenpater in der Wandsbeker St. Joseph-Kirche zwei junge Landsleute getauft. Der Name des Paters sagte damals kaum einem Hamburger etwas. Er hieß Jorge Mario Bergoglio. 

St. Joseph in Hamburg-Wandsbek: Dort hat der heutige Papst 1986 zwei Jugendliche getauft. Foto: Hüser

Bis vor wenigen Tagen wusste niemand in der Gemeinde von dem Besuch des späteren Papstes. Papst Franziskus aber erinnert sich sehr wohl an Hamburg. Er traf dort nämlich den Pfarrer von St. Joseph, Monsignore Franz von de Berg. Der Pfarrer erzählte dem argentinischen Jesuiten, der in Deutschland promovieren wollte, vom gemeinsamen Martyrium der Lübecker Märtyrer. Franz von de Berg hatte sein Leben lang die Erinnerung an die Lübecker Geistlichen in Hamburg gefördert. Von de Berg stammt aus Lübeck. Sein Vater betrieb einen Tabak- und Devotionalienhandel, er gehörte zu den tragenden Gestalten der katholischen Gemeinden. Die Kapläne waren oft im Hause der Eltern zu Besuch. Und Franz’ Schwester war mit der Pastorentochter Waltraut Stellbrink befreundet. 

Der Wandsbeker Pfarrer erzählte von den Märtyrern 

Dass Papst Franziskus dem Hamburger Pfarrer von de Berg einmal begegnet sein muss, war bis jetzt nur eine Vermutung. Im Dezember 2013 erzählte der Papst in einem Interview der italienischen Tageszeitung „La stampa“: „Ich kannte in Hamburg einen Pfarrer, der die Heiligsprechung eines katholischen Priesters betrieb, der von den Nazis enthauptet worden war, weil er die Kinder den Katechismus lehrte. Nach ihm in der Reihe der Verurteilten war ein lutherischer Pastor, der aus demselben Grund hingerichtet wurde. Ihr Blut hat sich vermischt.“ 

Franz von de Berg hat zwar nie eine Heiligsprechung der Kapläne betrieben. Aber er war der maßgebliche Förderer des Märtyrer-Gedenkens in Hamburg. Im Jahr 2002 ist der Geistliche gestorben, und bisher fand sich kein weiterer Zeuge der Begegnung.  

Den argentinischen Pater muss das Schicksal der ermordeten Geistlichen sehr bewegt haben. Für ihn ist ihr Schicksal ein Beispiel für die „Ökumene des Blutes.“ Die Ökumene des Blutes „existiert auch heute,“, so Papst Franziskus im La Stampa-Interview. „Jene, die die Christen töten, fragen dich nicht nach dem Personalausweis um zu wissen, in welcher Kirche du getauft bist.“

Eine Taufe in Hamburg-Wandsbek

Vor wenigen Tagen, am 30. November, kam Papst Franziskus in einer Pressekonferenz noch einmal auf die Lübecker Märtyrer zu sprechen. Wieder sprach er von der „Ökumene des Blutes“, für die die Ugandischen Märtyrer um Karl Lwanga im 19. Jahrhundert – und die in Hamburg hingerichteten Geistlichen ein Beispiel seien. Wieder erwähnte der Papst das Gespräch mit dem Hamburger Priester, aber diesmal sagte er mehr über die Umstände: „Als ich in Deutschland war, musste ich nach Hamburg fahren, um eine Taufe zu spenden. Der Pfarrer betrieb einen Heiligsprechungsprozess für einen Priester, der von den Nazis enthauptet worden war…“

Da jede Taufe in den Kirchenbüchern eingetragen wird, ließ sich Licht in die Sache bringen. „Als ich in Deutschland war“, das konnte 1986 gewesen sein. Jorge Mario Bergoglio hielt sich damals zum Studium in Frankfurt auf, wo er an der Jesuitenhochschule St. Georgen eine Doktorarbeit vorbereiten wollte. Diözesanarchivar Martin Colberg ließ deshalb in den Kirchenbüchern der Pfarrei St. Joseph nachsehen, ob sich dort im Jahr 1986 ein Taufeintrag mit dem Taufspender Bergoglio findet. Und tatsächlich: Am 12. Oktober 1986 hat Pater Bergoglio aus Buenos Aires in St. Joseph zwei junge Menschen aus Argentinien getauft. Sein Name steht  sowohl im Taufregister, als auch im Zelebrationsbuch, in das jeder Gastpriester sich einträgt. 

Pastoralreferent Sebastian Fiebig hat diese Entdeckung nicht vollständig überrascht. „Dass es sich bei dem Hamburger Priester um Msgr. von de Berg handelte, lag ja nahe. Wir haben schon nach einem Hinweis gesucht,  nur im falschen Jahr.“ Es gab nämlich noch einen weiteren Kontakt zwischen St. Josef und Jorge Mario Bergoglio. „Im April 1999 hat unsere Gemeinde in einer Aktion ,Wandern für den Andern‘ Geld für ein Jugendzentrum in Buenos Aires gesammelt, für das sich Erzbischof Bergoglio persönlich eingesetzt hat“, erzählt Sebastian Fiebig. Sogar ein persönliches Dankschreiben des Bischofs soll gekommen sein. Ob der argentinischen Bischof und der Hamburger Pfarrer in Kontakt geblieben waren, lasse sich aber nicht mehr feststellen. 

Herausragende Zeugen einer  „Ökumene des Blutes“

Das ganze wäre nur eine originelle Anekdote – wäre das Ereignis nicht mit den Lübecker Märtyrern verbunden. Der Papst würdigt den Tod der Geistlichen wiederholt als das herausragende ökumenische Zeugnis des 20. Jahrhunderts. Das macht den Fall zu mehr als einem Randereignis. Auffallend ist, dass sich Papst Franziskus offenbar nicht mehr genau an das in Hamburg Gehörte erinnert: Er spricht von einem katholischen und einem evangelischen Geistlichen, die zur gleichen Zeit am gleichen Ort von den Nazis hingerichtet wurden. Dass es vier waren und diese vier vor und nach der Verhaftung miteinander verbunden waren, erwähnt er nicht. „Ich werde dem Papst einen Brief schreiben“, kündigt Sebastian Fiebig an. Er selbst ist seit Jahren in der ökumenischen Koordination des Märtyrer-Gedenkens tätig, hat unter anderem die Internetseite Lübecker Märtyrer aufgebaut. „Und diese Seite gibt es ja auch in spanischer Sprache.“  www.luebeckermaertyrer.

Text: Andreas Hüser