02.01.2019

Weihrauch im Gottesdienst

Heiliger Qualm

Die Weisen aus dem Morgenland brachten Weihrauch zur Krippe mit, und lange galten Weihrauchwolken als typisch für einen katholischen Gottesdienst. Heute ist Weihrauch eher aus der Mode – was manche schade finden.

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Weihrauchwolken in der Kirche: Was früher üblich war, ist heute seltener geworden. Warum das eine? Warum das andere? Foto: kna


Der Evangelist Matthäus erzählt, dass Weihrauch eines der drei Geburtstagsgeschenke für den neugeborenen Jesus war. Weihrauch war damals wertvoll; ein Duft, in den man Könige hüllte. (Daniel 2,46) Und gleichzeitig ein Symbol für das Gebet. „Wie Weihrauch steige unser Bitten zu dir auf“, heißt es in einem modernen Fürbittruf.

Weihrauch in der Bibel 

Im Alten Testament gehörte Weihrauch, der aus Arabien importiert werden musste und entsprechend teuer war, fest zum religiösen Kult hinzu. Fast 50-mal wird er erwähnt. So soll beim Speiseopfer Brot aus Weizenmehl zusammen mit Öl und Weihrauch dargebracht werden, „als ein Feueropfer zum beruhigenden Duft für den Herrn“ (Levitikus 2,1–2). Umgekehrt klagt Gott mitunter über allzu vordergründige Weihrauchopfer: „Was soll mir der Weihrauch aus Saba und das gute Gewürzrohr aus fernem Land? Eure Brandopfer gefallen mir nicht, eure Schlachtopfer sind mir nicht angenehm.“ (Jesaja 6,20)
Doch wenn der Prophet Jesaja später vom Kommen des Messias spricht, gehört Weihrauch dazu: „Der Reichtum des Meeres strömt dir zu, die Schätze der Völker kommen zu dir ... Alle kommen von Saba, bringen Weihrauch und Gold und verkünden die ruhmreichen Taten des Herrn“ (Jesaja 60,5–6). Von dieser Prophetie wusste auch Matthäus, als er die Geschichte von den Sterndeutern aus dem Morgenland aufschrieb (Mt 2,1–12).

Wie Weihrauch in die Kirche kam

Bei all der Wertschätzung, die Weihrauch in katholischen Gottesdiensten erlebt hat, ist es vielleicht überraschend, dass er im frühen Christentum höchst unbeliebt war. Justin, der Märtyrer, der Mitte des ersten Jahrhunderts die ersten christlichen Gottesdienste beschreibt, betont: „Weinspende und Rauchwerk sind nicht nötig; Gebet und Dank opfern wir.“ Und Tertullian (160-220) betont, seit dem Opfer Jesu Christi seien andere Opfergaben nicht nötig, „nicht Weihrauchkörner eines arabischen Baumes, die nur ein Ass kosten, nicht das Blut eines klapprigen, lebensmüden Opferstiers“.

200 Jahre später, nach der Konstantinischen Wende und geprägt von römischen Gewohnheiten, wandelt sich die Perspektive: Weihrauch wird nicht mehr in Verbindung mit kultischen Opfern gesehen, sondern schlicht als Ehrenzeichen. So wie Weihrauch beim Hofzeremoniell eine wichtige Rolle spielte, so wurden Altar, Evangeliar und die eucharistischen Gaben – und in ihnen Jesus Christus selbst – durch Kerzen und Weihrauch geehrt. Wem, wenn nicht ihm gebührt die Ehre?


Der Weihrauch in der heiligen Messe

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Weihrauch ist ein grobkörniges Harz aus dem Weihrauchbaum
und wird heute vor allem aus dem Oman importiert. Foto: kna

War Weihrauch vor fünfzig Jahren selbstverständlicher Bestandteil jedes Hochamts, hat sich das vielerorts geändert. Weihnachten, Ostern, Fronleichnam – ja; an anderen Sonntagen bleibt das Fass meist in der Sakristei. Schade eigentlich, meinen manche. Während andere dankbar sind, den Geruch nicht mehr ertragen zu müssen.

Dabei hat sich an dem Grundgedanken nicht viel geändert: Altar, Osterkerze,  Evangeliar und die eucharistischen Gaben sind Zeichen der Gegenwart Christi. Ihm wird durch Kerzen und Weihrauch die Ehre erwiesen. 
Mit Weihrauch geehrt wird aber nicht nur Christus. Vor dem Hochgebet inzensieren die Messdiener sowohl den Priester wie die Gemeinde. Denn: Christen sind „ein heiliges Volk, eine königliche Priesterschaft“ (1 Pertus 2,9). 

Ist Weihrauch nötig? Zur Gültigkeit einer Messe sicher nicht. Aber die katholische Liturgie ist eine Feier mit allen Sinnen, und der Geruch ist einer davon. Und während im Alltag das Geschäft mit Duftkerzen und -ölen blüht, geht der Duft in der Kirche zurück. Altmodisch, hört man oft. Oder nicht praktikabel, weil nicht genügend Messdiener da sind. Oder so feierlich, dass es für eine normale Sonntagsmesse – die ja auch nicht zu lange dauern soll – übertrieben erscheint. An Weihnachten und Ostern, also den kirchlichen Höhepunkten, reicht es doch. Oder?


Der Weihrauch beim Begräbnis
Früher gehörte es zur Begräbnisliturgie dazu, dass der Sarg beweihräuchert wird. Seit der Reform der Begräbnisliturgie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist das aber nicht mehr so. Der Weihrauch am offenen Grab ist – anders als die Besprengung mit Weihwasser – nur ein eingeklammerter, also möglicher, Ritus.

Das hat diesmal tatsächlich theologische Gründe. Die Besprengung mit Weihwasser verweist auf die Taufe. Aber worauf verweist der Weihrauch? In früheren Zeiten wurde die Beweihräucherung des Sarges tatsächlich als Abwehr von bösen Geistern verstanden. Diesem Verdacht wollte der neue Ritus entgehen. Deshalb ist er eingeklammert – möglich, aber nicht zwingend. Und dazugestellt ist ein deutendes Wort: „Dein Leib war Gottes Tempel.“ Und weil er Gottes Tempel war, kann auch er geehrt werden.

Susanne Haverkamp