14.11.2018

Vatikan bremst US-Bischöfe aus

Paukenschlag in Baltimore

Der Vatikan lässt die US-Bischöfe rätseln und bremst ihre Beratungen zum Umgang mit dem Missbrauchsskandal.

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Müssen warten: Die US-Bischöfe werden auf ihrer Versammlung in Baltimore nicht über Aktionspläne zum Umgang mit dem Missbrauchsskandal abstimmen. Foto: kna


Selten begann eine Bischofskonferenz in den USA mit einem solchen Paukenschlag. Statt spirituellem Krafttanken und Reflexion im Gebet erfasste die Oberhirten der US-Katholiken plötzliche Verunsicherung und Ratlosigkeit. Jedenfalls war der Plan der 350 Bischöfe, die sich in Baltimore zwei Tage lang mit dem Missbrauchsskandal auseinandersetzen wollten, sofort über den Haufen geworden.

Nach dem Bericht der Grand Jury von Pennsylvania, dem Rücktritt von Ex-Kardinal Theodore McCarrick (88) sowie Ermittlungen in einem Dutzend Bundesstaaten sollte von Baltimore ein klares Signal ausgehen. Es sollte deutlich werden, dass die 196 US-Diözesen verstanden haben, was auf dem Spiel steht - zumal sich der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Daniel DiNardo, selbst Vorwürfen ausgesetzt sieht, in seinem Erzbistum Galveston-Houston einen übergriffigen Priester nicht rechtzeitig aus dem Amt entfernt zu haben.

Ausgerechnet DiNardo fiel am Montag die Aufgabe zu, den versammelten Amtskollegen zu eröffnen, der Vatikan habe darum gebeten, vor jeder eigenen Beschlussfassung das für Februar geplante Welttreffen der Bischöfe im Vatikan abzuwarten. "Auf Veranlassung des Heiligen Stuhls werden wir nicht über die beiden Aktionspläne abstimmen", erklärte DiNardo den überraschten Bischöfen. Die Instruktionen aus Rom hatten ihn am Vortag in Form eines Schreibens der vatikanischen Bischofskongregation erreicht. Sie wird von dem kanadischen Kurienkardinal Marc Ouellet geleitet.

Einige der sichtlich irritierten Bischöfe fragten offen, ob der Vatikan die Ernsthaftigkeit der Situation in der US-Kirche verstehe. "Unsere träge Art zu reagieren und Dinge zu bewältigen ist problematisch", kritisierte Shawn McKnight, Bischof von Jefferson City im US-Bundesstaat Missouri. Die Gläubigen hätten dafür nicht viel Verständnis: "Es gibt eine Menge gerechten Ärger."

Ursprünglich wollten die US-Bischöfe eine Laienkommission schaffen, die die Aufklärungsarbeit der Bischöfe mit Missbrauchsfällen untersuchen sollte. Grundsätzlich besteht auch Einigkeit darüber, eine externe Organisation zu beauftragen, Missbrauchsanzeigen gegebenenfalls direkt an die Strafverfolgungsbehörden weiterzuleiten.

Zudem wollten die Bischöfe über einen neuen Verhaltenskodex für sich selbst beraten. Dieser Punkt der Tagesordnung hatte zu Kontroversen geführt, da einige Bischöfe dies mit dem Verweis darauf ablehnten, das Evangelium sei ihnen höchster Maßstab für ihr Verhalten.

 

"Wir müssen zeigen, dass wir die Probleme lösen können, statt sie an andere zu delegieren"

Der Papst-Botschafter in den USA, Erzbischof Christophe Pierre, erklärte nun vor den Bischöfen, dass Rom unter anderem Schwierigkeiten mit der Auslagerung von klerikaler Verantwortung habe. Er machte die "Versuchung" aus, "die Verantwortung zur Reform anderen zu überlassen statt selbst dafür zu sorgen", so der französische Erzbischof. "Wir müssen zeigen, dass wir die Probleme lösen können, statt sie an andere zu delegieren."

Laut Mitteilung des vatikanischen Presseamtes hatte Papst Franziskus seinen Botschafter in den USA am Samstagvormittag zu einer Audienz geladen. Der Anlass wurde wie üblich nicht genannt; allerdings ließ allein die Erwähnung rätseln, warum der Papst Nuntius Pierre so dringend persönlich zu sprechen wünschte.

DiNardo machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl. Auch Sprecher der Opferverbände kommentierten die Intervention aus Rom mit Misstrauen, Ärger und Skepsis. Anne Barrett Doyle von der Organisation "BishopAccountability.org", die Missbrauchsopfer vertritt, erklärte, das Handeln des Vatikan sei "wirklich unglaublich". Sie wertete den Eingriff als "Versuch, selbst bescheidenen Fortschritt der US-Bischöfe zu unterdrücken".

Kardinal Blase Cupich aus Chicago, der als Vertrauter von Papst Franziskus gilt, schlug vor, am Programm der Vollversammlung festzuhalten und nichtbindende Beschlüsse zu fassen. Diese könnte die US-Kirche dann beim Welttreffen im Februar einbringen. "Wir müssen klarmachen, wo wir stehen, und wir müssen das den Menschen hier sagen." Sprach es und zog sich mit den anderen Bischöfen zum Gebet zurück.

kna