15.06.2018

Interview über die Lage im Tschad

"Die Angst darf uns nicht hindern"

In ihrer Heimat Tschad ist Delphine Djiraibe (57) seit mehr als 20 Jahren als Anwältin und Menschenrechtlerin aktiv. Das Land in Zentralafrika ist zu einem wichtigen Partner der EU im Kampf gegen Terror und Fluchtursachen aufgestiegen. Doch die einheimische Bevölkerung, sagt Djiraibe, leidet weiter unter Hunger, Misswirtschaft und Unterdrückung.

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Die Menschenrechtlerin Delphine Djiraibe aus dem Tschad
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Frau Djiraibe, Sie haben sich immer schon sehr offen über die Lage im Tschad geäußert. Zugleich hört man, dass Oppositionelle bedroht, verfolgt und drangsaliert werden. Haben Sie keine Angst?
Natürlich sollte man vorsichtig sein. Aber die Angst darf uns nicht daran hindern, den Mund aufzumachen. Im Tschad ist es so: Wenn Sie aus Angst nichts sagen, können Sie sterben, weil die Lebensbedingungen so schlecht bleiben. Wenn Sie Angst haben und trotzdem etwas sagen, dann können Sie auch sterben. Aber vielleicht stoßen Sie so Veränderungen an - die im Todesfall zumindest jenen zugute kommen, die noch am Leben sind. Man muss sich gegen solche Unwägbarkeiten wappnen und seine Existenz in Gottes Hand legen, um im Tschad zu überleben.


Was treibt Sie an? Woher nehmen Sie Ihren Mut?
Als ich 1990 mein Jura-Studium beendete, bin ich in den Tschad zurückgekehrt. Das war die Zeit, als Hissene Habre, der Vorgänger des jetzigen Machthabers Idriss Deby, aus dem Amt gejagt wurde. Meine Mitstreiter und ich haben gesehen, was die politischen Häftlinge in den Gefängnissen erdulden mussten. Wir haben uns geschworen, dass sich dieser Horror niemals wiederholen darf. Und dass die Verbrechen unter Habre geahndet werden müssen.


Aber unter Deby scheint sich nicht viel geändert zu haben.
Das ist leider wahr. Es gibt graduelle Unterschiede - aber das Ausmaß von Unterdrückung und Misswirtschaft ist enorm. Kürzlich erst hat Deby die Verfassung geändert. Theoretisch kann er jetzt bis 2033 an der Macht bleiben. Das ist der Weg in die Diktatur. Die Demokratie hat ihren Betrieb praktisch eingestellt.


Trotzdem wird das Land in der jüngeren Vergangenheit von der EU hofiert. Wie passt das zusammen?
Da wird mit zweierlei Maß gemessen. Nach außen hin hält das Regime die Fassade aufrecht, ein Hort der Stabilität in einer unruhigen Region zu sein. Die EU nimmt das dankbar an und unterstützt die Regierung in Ndjamena, um beispielsweise mit ihrer Hilfe gegen den islamistischen Terror von Boko Haram vorzugehen. Dabei verschließt die internationale Gemeinschaft die Augen vor den tatsächlichen Problemen im Land. Das ist beklagenswert, vor allem für die Mehrheit der Bevölkerung, die kaum über die Runden kommt.


Dabei gab es Hoffnungen. Seit 2003 wird im Tschad Öl gefördert.
Aber die Millionen kamen nie bei den Menschen an. Stattdessen steigen die Lebenshaltungskosten. Das hat dazu geführt, dass der Tschad zwar zu den ärmsten Ländern der Welt gehört - gleichzeitig aber die Hauptstadt Ndjamena zu den zehn teuersten Metropolen zählt.


Und die Bewohner?
Sie sterben in Scharen, an Hunger, an vermeidbaren Krankheiten. Weil sie sich kein Essen leisten können, weil eine Packung Aspirin quasi unbezahlbar ist. Es gibt inzwischen im Tschad ein geflügeltes Wort: Wir sehen uns nur noch auf Friedhöfen, weil wir ständig jemanden beerdigen müssen. Selbst Beamte verdienen nicht mehr genug, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Sie streiken, legen Krankenhäuser und Schulen lahm. Das wiederum sorgt für neue Probleme.


Was wäre Ihr Wunsch?
Dass in einem ersten Schritt alle Menschen wieder ausreichend zu essen haben. Wir reden da gar nicht von irgendwelchen internationalen Normen. Aber morgens ein Glas Tee und etwas Gebäck, mittags ein Hirsebällchen mit etwas Soße, abends vielleicht einen Teller Bohnen - das muss doch möglich sein. Wir hätten gerne eine Regierung, die wenigstens diese Dinge klärt. Tatsächlich ist es so, als hätten wir keine Regierung. Niemand kümmert sich um die Belange der Bevölkerung.


Deby ist nicht der einzige vermeintlich starke Mann in Afrika, der an seinem Amt klebt und sein Volk ausbeutet. Wäre es nicht besser, wenn stattdessen mal Frauen an die Macht kämen?
Viele Länder Zentralafrikas leiden unter Korruption und Machtmissbrauch, unter einem großen sozialen Gefälle. Insbesondere Frauen wurden und werden ausgegrenzt. Dabei bin ich überzeugt, dass Frauen vieles besser machen würden als jene Männer, die als Staatschefs seit Jahren mehr oder weniger fest im Sattel sitzen. Ohne Feministin zu sein: Es gibt in Afrika Frauen, die Verantwortung übernehmen können. Man müsste ihnen nur die Chance dazu geben.

kna